Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Hitzacker.13 (32)

36 Von Rüterberg nach Lauenburg, Teil 1

| Keine Kommentare

 

 

Man könnte meinen, die Elbe als Grenze zu definieren sei ein kluger und weiser Schachzug. Man kann nicht an der Eindeutigkeit dieser Grenzziehung zweifeln. Und doch. Verläuft die Grenze nun am Westufer, am Ostufer oder in der Mitte? Eigentlich klar, die ursprüngliche Grenzziehung beschreibt das Ostufer der Elbe als Grenze. Trotzdem kreuzen DDR-Flusskreuzer die Elbe, nehmen DDR-Politiker die Westgrenze in Anspruch oder zumindest die Mitte. So war der permanente Streit um den Grenzverlauf vorprogrammiert. Die Grenzschiffe der West-Alliierten mussten immer wieder einmal ihre Kanonen auf DDR-Gebiet richten. So kann man Menschen beschäftigen. Der permanente Streit wird zum aberwitzigen Alltag.

Die Bewohner der Dörfer und Siedlungen am östlichen Elbeufer merkten davon wenig, denn das Betreten der Elbauen war ihnen verboten. Weiträumig sperrten Zäune die Elbeniederungen ab. Sie hatten nicht die Chance einen Blick auf die Elbe zu werfen.

 

Auch uns gelingt das heute nicht sonderlich gut. Das liegt aber an den Deichen über die wir vom Auto aus nicht hinwegsehen können. Nur wenn wir aussteigen und den Deich hinauflaufen haben wir einen schönen Blick über die Elbe, die ruhig und majestätisch dahin fließt. Man könnte meinen, so sei es auch damals gewesen. Vermutlich ja. Aber das Wasser, das heute fließt ist jungfräulich. Es fließt zwar immer Wasser, aber jeder Wassertropfen ist neu, jede Minute neu. Mit jeder Minute beginnt somit die Zukunft. Ich freue mich über die Zukunft, die ich jeden Augenblick spüre hier oben auf dem Elbedeich.

 

Ich versuche, Maria meine Gedanken mitzuteilen, habe ein Interesse daran, dass sie mich versteht. Ich rede von der Zukunft im Wassertropfen. Aber sie sieht mich nur an, als ob ich jetzt wirklich übergeschnappt wäre. Ein Wassertropfen? Wenn ein Wassertropfen die Zukunft ist, dann können wir gerne auch auf diese Zukunft verzichten. So denkt sie vielleicht, aber sie sagt nichts.

 

Die Wege direkt an der Elbe entlang sind für Autos gesperrt, nur Fahrradfahrer und Wanderer dürfen, wenn sie wollen. Ich würde mich ja darüber hinweg setzen, aber die Wege sind mit Schranken versperrt. Noch immer versperrt die Staatsgewalt sehr gerne und offensichtlich erfolgreich. Wir müssen also einen kleinen Bogen schlagen und erreichen erst bei Herrenhof wieder die Elbe. Hitzacker liegt drüben auf der anderen Seite. Ich will Hitzacker kennenlernen, weil Maria behauptet hat, dass es sehr schön sei. Wir stellen fest, dass die Fähre keine Autos mitnimmt, also lassen wir unseren Wagen zurück.

 

Hitzacker ist ein historisches Wunder. Denn historisch gehörte Hitzacker dem Herzog von Sachsen, der sich damit einen Brückenkopf am Westufer der Elbe geschaffen hatte. Gründungsdatum scheint das Jahr 1258 gewesen zu sein. Die Stadtexistenz an einem großen Fluss, der häufig auch politische Grenze war ist immer gezeichnet vom Schicksal. Davon könnte die Stadt Hitzacker einiges erzählen. Auch 1945 wurde die Elbe wieder zu einer sensiblen politischen Grenze.

Unter Hitzacker versteht man eine Stadtinsel aus Fachwerkhäusern, Kopfsteinpflaster, ein irgendwie harmonisches Stadtbild. Fast jedenfalls – bis auf ein Hotel, das den gesamten Ort dominiert. Die Treppenanlage zum Weinberg fällt dagegen kaum auf, obwohl sie über eine Million Euro gekostet hat, die nun dem Bürgermeister für andere Projekte fehlen. Kommentar: Die Treppe wurde unerwartet teuer. Hitzacker hat einen musikalischen Klang. Hier finden die “Sommerlichen Musiktage” statt mit gewaltigen Konzerten. Hitzacker ist in der Welt der Musik bekannt. Die Musiktage im sommerlichen Hitzacker verstehen sich als Katalysatoren, die die Kreativität der Musiker und ihrer Musik entfachen wollen. Neues soll entstehen: Symposien, Kongresse, Aufführungen von Gegenwartsmusik und experimenteller Musik. Alles ist erlaubt so lange es sich um Musik handelt. So ist aus dem alten, sympathischen Städtchen ein Juwel kultureller Aktivität geworden.

Da wir uns schon im Nachsommer befinden, haben wir festgestellt, dass es gerade kein musikalisches Angebot gibt.

Zurück mit der Fähre.

Es ist nunmehr schon reichlich spät und wir haben noch keine Unterkunft gefunden. Wir kommen nach Darchau, wo aber kein Gasthaus zu finden ist. Nach Neu-Darchau führt eine Fähre, aber das Übersetzen ist mir jetzt zu zeitraubend. Wir könnten nach Neuhaus fahren oder einfach weiter nach Konau. Dorthin wollte ich ohnehin, weil ich weiß, dass sich dort ein Wachturm befindet.

Konau liegt am östlichen Elbufer im Schutze eines hohen Deiches inmitten der wunderschönen Elbtalaue. Hier liegen heute noch die niedersächsischen Bauernhäuser und Gehöfte aufgereiht hinterm Elbdeich wie eh und je seit Jahrhunderten.

An einem dieser großen Bauernhäuser steht „Zimmer“.

Ich halte und frage, ob noch zwei Einzelzimmer frei seien. Ja, aber man müsse sich ein Bad teilen. Maria nickt, ist bestens. Und so steigen wir in dem Bauernhaus ab.

Ich habe Maria als meine Tochter vorgestellt, weil ich nicht wusste, wie ich unser Verhältnis erklären sollte. Sie grinst und spricht mich mit Papa an. Das Ganze ist mir ziemlich peinlich und ich fühle mich gar nicht wohl in meiner Haut. Aber ich habe dieses Spiel erfunden.

 

Ich mache mir zunächst einmal klar, dass das Nordufer der Elbe zu Niedersachsen gehört, obwohl hier DDR-Land war. Eigentlich hätten die Briten hier Amtswalter sein sollen. Dabei lag es gar nicht an den Engländern. Im Juni 1945 überließen die US-Amerikaner das zur Provinz Hannover gehörende ostelbische Amt Neuhaus den Sowjets. Ich kann das nur schwer verstehen. War das eine historische Trotteligkeit? Das Gebiet wurde nun Teil des neugegründeten Landes Mecklenburg und die Elbe zwischen Schnackenburg und Boizenburg/Lauenburg zum Grenzfluss zwischen der britischen und sowjetischen Besatzungszone. Nach der Wiedervereinigung wollten diese Bürger nicht nur die DDR verlassen, sondern auch das Bundesland. Dies führte 1993 zu einem Staatsvertrag zwischen Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Niedersachsen empfingen, die Mecklenburger verloren. So ungefähr 6000 Bürger konvertierten. Wie es auch historisch seine Richtigkeit hat.

Damals aber war dieser Ackerboden DDR. So gehörten Orte wie Konau zur DDR.

Sperrgebiet. Doppelte Zäune. Eingesperrt für ewig.

Es ist viel von der alten Bausubstand übrig geblieben. Die Hofanlagen mit ihren reetgedeckten Niedersachsenhäusern, mit ihren mächtigen Scheunen. Die Häuser sind wunderbar restauriert. Die Mangelwirtschaft der DDR, als man nicht einmal das notwendigste Baumaterial erhielt, gehört der Vergangenheit an. Auch „unser“ Haus ist auf das Allerschönste hergerichtet.

Und wo können wir noch etwas zu Abend essen? Hier in Konau gibt es nichts. Aber die Hausfrau bietet sich an, uns noch eine Brotzeit zu bereiten. Sie wird sie uns auf das Zimmer bringen.

Gut so. Ich habe ohnehin keine Lust, im Aufenthaltsraum zu sitzen und vielleicht über unser Vater-Tochter-Verhältnis erzählen zu müssen. Auf dem Zimmer bin ich keinen neugierigen Blicken ausgesetzt.

Kommentar verfassen

Pflichtfelder sind mit * markiert.