Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

160.Lauenburg.24

37 Von Lauenburg nach Lübeck, Teil 3

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Gartenschläger und sein Gedenkstein

 

Da es hier so wenige Überreste der Grenze gibt bin ich regelrecht erpicht darauf, den Gedenkstein für Michael Gartenschläger zu finden. Ich finde ihn. Von Büchen nach Fortkrug. Rechts abbiegen in den Wald hinein. Direkt an der Straße steht ein einfaches Holzkreuz. Daneben ein Findling, fast hätte ich ihn übersehen. Darauf steht: „Michael Gartenschläger *13.1.1944;  †30.4.1976 erschossen an der innerdeutschen Grenze. Er rüttelte am Gewissen der freien Welt.“ Das Gewissen hat aber niemand veranlasst einen größeren Gedenkstein aufzustellen. Michael hätte es wahrscheinlich verdient.

Er war in Strausberg zuhause. Auf der Suche, wo das Drama beginnt, könnte man auf die Mitgliedschaft im Ted-Herold-Fanclub stoßen. Die Jugendlichen begeisterten sich für Rock’n’roll, was damals durchaus verdächtig war. Angeblich verfügte der Fan-Club über Westkontakte. Deshalb ermittelte die Polizei. 1961 wurde die Jugendgruppe verboten.

Dagegen protestierten die jungen Männer – nicht alle waren eben angepasst. Sie schmierten Parolen, zündeten eine Scheune der LPG „Einheit“ an. Am 19. August 1961 wurde Michael  zusammen vier anderen festgenommen. Das Strafmaß: lebenslange Haft. In der Jugendstrafanstalt Torgau konnte er immerhin seine Ausbildung nachholen: die Mittlere Reife und eine Lehre als Dreher. Noch immer nicht angepasst. Er versuchte zu fliehen. Einmal gescheitert und wieder verknackt. Verlegt. Wieder ein Ausbruchsversuch und wieder vergeblich. Mehr als lebenslang geht nicht. Im Frühjahr 1971 wurde er von der Bundesregierung freigekauft. Man hätte die Geschichte an dieser Stelle beenden können. Doch Michael Gartenschläger war gezeichnet. Er konnte den Unrechtsstaat DDR nicht einfach abschütteln. Schließlich half er mit, einunddreißig Menschen durch den “Eisernen Vorhang” in den Westen zu schleusen. Das war ein gefährliches Spiel. Er versuchte bei jeder Gelegenheit auf die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes aufmerksam zu machen. Sein größter Coup war, die Behauptung des Außenministers Oskar Fischer, es gebe an der innerdeutschen Grenze keine Selbstschussanlagen wirkungsvoll zu widerlegen. 1976 montierte er zwei Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 ab und präsentierte sie der Öffentlichkeit. Im gleichen Jahr wollte er noch eine Selbstschussanlage abbauen. Er wusste jedoch nicht, dass ein Stasi-Sonderkommando auf ihn wartete, denn das Vorhaben war von einem IM verraten worden. Er war misstrauisch, weil er Geräusche gehört hatte, wollte nur schnell eine der Selbstschussanlagen auslösen und sich dann zurückziehen. Die Stasi lag auf Lauer und schoss ohne Vorwarnung – tot. Großes Lob. Seine Mörder mussten sich nach der Wende vor Gerichten in Berlin und Schwerin verantworten. Bis auf einen Oberstleutnant der Stasi wurden alle Angeklagten freigesprochen. Und der Oberstleutnant ging wegen der Verjährung der Tat straffrei aus. Ich dachte Mord verjährt nicht.

In der Priesterkate in Büchen-Dorf, einem kleinen Museum ist das Belobigungsschreiben für einen der Todesschützen ausgestellt. Es gab einen Kampforden in Silber und 1500 Ostmark als fette Prämie. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Dies fragte schon Judas Ischariot. Ich finde, dass der Gedenkstein zu wenig Stein zeigt. Der Stein müsste riesig groß sein.

 

Nur einen Kilometer vom Gartenschläger-Denkmal entfernt befindet sich bei Leisterförde ein Grenzdenkmal. Ein bisschen schlecht ausgeschildert. Aber bei Google bestens dokumentiert. Wohl dem der mit Internet unterwegs ist. Es ist das Tor Nummer 21. Die Anlage stand einmal an der B6. Dort hat man sie abgebaut und in die Einsamkeit versetzt, an eine Neben-Neben-Straße. Man hat die Originalentfernungen des Todesstreifens zusammenschnurren lassen, so dass man alles kompakt sehen kann. Und eingezäunt. Irgendwie komisch, wenn Zäune eingezäunt werden. Aber vielleicht war es erforderlich. So sah sie aus. Heute Museum. Wie schön.

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