Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Bardowiek.13 (10)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 1

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Ich habe bei Bardowiek noch eine Erinnerungs- und Gedenkminute eingelegt. Ein geschleiftes Dorf. Ihm hat man ebenfalls nur einen Findling mit dem Namen spendiert. Die Wüstung gerät in Vergessenheit.

 

Ich fahre durch eine für mich fremde Landschaft. Ich bin mir sicher, dass unsere Erfahrungen nicht geprägt sind von einem Unterschied zwischen West und Ost, sondern eher zwischen Nord und Süd. Das liegt schon an der Landschaft und dann auch an den Menschen, die diese Landschaften hervorgebracht haben. Ich habe gelesen, dass die Landschaft Mecklenburgs beschrieben wird als „unberührt und einzigartig, romantisch, anmutig aber auch wild und charaktervoll“. Ich kann damit nicht sonderlich viel anfangen. Für mich ist dies einfach ungewohnt flaches Land. Ich bin an vielen Seen vorbei gefahren, die versteckt hinter kleinen Wäldern lagen im flachen Land, landschaftlich intensiv genutzt. Überall sind große Landmaschinen unterwegs, größer als im Süden des Landes. Man sagt Mecklenburg sei auch das Land der tausendjährigen Eichen, welche die Zeiten überdauert haben. Ich weiß nicht, ob dies stimmt, aber optisch schön finde ich so manchen kleinen Hügel mit einem einzigen Baum auf der Kuppe. Dies sind dann in der Tat meistens Eichen.

Die Fahrt über kleine Kreisstraßen ist durchaus interessant, aber auch eintönig. Manchmal denke ich, dass die vielen Kurven die wichtigste Abwechslung sind. Warum benötigen Straßen auf dem flachen Land so viele Kurven? Sie könnten doch auch geradewegs von Start zu Ziel führen. Aber so ist es nicht und das ist gut so.

Ich komme direkt nach Dassow. Das lässt sich gar nicht umgehen, weil Dassow der größte Ort der Region ist und alle Straßenschilder ohnehin nach Dassow weisen.

Slawen sollen den Ort im frühen Mittelalter gegründet haben. Die Slawen wurden besiegt. Einzig der Name weist auf die Wurzeln hin. Dassow heißt so viel wie Dornbusch, Gestrüpp. Ob das eine Auszeichnung ist? Jedenfalls findet sich der Dornbusch heute noch im Wappen des Ortes.

1188 wird das Land Dassow („terra Dartsowe“) erstmals erwähnt, 1219 der Ort.
Damals bestand der Ort hauptsächlich aus einer Burg, von der aus Raubritter die Gegend unsicher machten. Daher wurde die Burg 1261 von den Lübeckern zerstört. Aus dem mittelalterlichen Dassow stammt lediglich die stattliche Kirche St. Nikolaus. Der Turmhelm wurde allerdings nach einem Großbrand, der auch den halben Ort vernichtete, 1632 erneuert.
Gegen die mächtigen Nachbarn konnte Dassow nur mit Mühe bestehen. Die Reichs- und Hansestadt Lübeck eignet sich den Dassower See an. So blieb es bis zum heutigen Tag. Aus diesem Grund bildete auch die Grenze das Ostufer des Dassower Sees. Zum Ärger der ostdeutschen Grenzer reichte das Wasser weit in die eigenen Hoheitsgebiete hinein.

Dassow wurde Marktflecken und blieb es bis zur Verleihung des Stadtrechtes 1938. Aber Dassow ist immer noch mehr Marktflecken als Stadt und das finde ich sogar sympathisch.

Den Krieg überstand Dassow unzerstört, doch nach 1945 begann die wahre Demontage. Viele Güter wurden enteignet. Viele Flüchtlinge mussten aufgenommen werden. Bis 1960 wurde die Landwirtschaft kollektiviert. Nur noch die LPG-Genossen bestimmten das landwirtschaftliche Geschehen. Die Grenze zu Lübeck war zunächst nur Zonen- und später „Staatsgrenze“. Eigentlich ist Lübeck weit genug entfernt, aber da der Dassower See zu Lübeck gehört, lag Dassow im Sperrgebiet. Die Grenzlinie war als Hochwasserlinie definiert. Das bedeutete, dass bei niedrigem Wasserstand ein Uferstreifen zur BRD gehörte. Aber zunächst durften die Kinder unabhängig von der Wasserstandhöhe im See baden, die Fischer zum Fang ausfahren.

So allmählich wurden die Konsequenzen, die sich aus dem Begriff Sperrgebiet ergaben für die Bewohner klarer: Für Besucher war der Ort weder aus dem Westen noch aus dem Osten erreichbar. Es gab sogar bald eine Mauer zwischen der B 105 und dem See. Für die Bewohner waren weder die Ufer des Sees noch die schönen Ostseestrände erreichbar. Die Mauer war zum Schutz der Bevölkerung erbaut worden. Und die meisten Menschen glaubten dies sogar, wie sich später herausstellte. Ja, wir waren dankbar für die neue Schutzmauer.

Von der Grenze, von der Mauer ist nichts mehr zu sehen, zu finden. Für die Dassower begann nach der Wende die Zukunft. Gewerbe und Tourismus gleichermaßen zogen in die Stadt ein. Und große Teile der Natur stellte man vorsorglich unter Schutz. So können über dem Dassower See noch immer die Seeadler kreisen, im Winter Tausende Wasservögel rasten. Die Stepenitz schlängelt sich frei und sauber durch Wiesen, Felder und Sümpfe. Alte Alleen beschatten Straßen und Wege.

 

Und ich frage mich, was ich hier noch suche. Es gibt nichts zu finden. Wo bitte geht’s zur Grenze? Unverständnis bei denen, die ich anspreche.

Eigentlich habe ich gar keine Lust mehr, zu suchen. Wonach? Pippi Langstrumpf hat sich als Finderin bezeichnet. Ich bin hier kein Finder.

Ich setze mich im Hafen auf einem Poller. Ein paar Kutter dümpeln herum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier viele Fische fängt. Jedenfalls ist davon nichts zu spüren. Aber es ist auch Spätnachmittag. Da wird ohnehin nichts mehr gefangen.

Ein Kommentar

  1. Eigentlich beweist diese Seite Ihre Interessenlosigkeit am Natuerleben im Klützer Winkel. Die Grenze kann doch nicht das EINZIGE sein- sie haben am Klützer Winkel vorbeigeschrieben. Das kommt davon, wenn man durch die Mainstreambrille sieht.

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