Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Dassow.13 (13)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 2

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Die Fischer von Dassow

 

Bei einer Imbissbude sitzen zwei Männer und trinken ein Bier. Ich setze mich dazu, weil ich Durst habe, trinke auch ein Bier.

Ich frage nach, welchen Fisch sie hier fangen.

Aber die beiden beteuern, dass sie keine Fischer sind. Ihre Väter. Das rentiert sich heute nicht mehr. Sie erzählen von irgendwelchen Vorschriften aus Brüssel.

Früher hätten sie hier eine sehr attraktive Fischindustrie gehabt.

Und wir kommen ins Gespräch.

Ich erzähle, warum ich hier bin und kaum habe ich das gesagt, meint der eine, und der andere nickt bestätigend: „Da können wir Ihnen eine Geschichte erzählen.“

Also bin ich doch ein Finder.

 

In Dassow gab es eine bedeutende Fischindustrie.  Das hatte sich auch nach dem Krieg nicht geändert. Der Dassower See gehörte zwar zu Westdeutschland, aber die Fischer von Dassow hatten die Genehmigung durch die Meerzufahrt bei Travemunde hinaus in die Ostsee zu fahren und dort im Hoheitsgebiet der DDR oder in internationalen Gewässern zu fischen. Die Fischer empfanden dies sozusagen als Gewohnheitsrecht. Dassow ist zwar Sperrgebiet, die Einwohner haben einen besondern Vermerk in ihrem Ausweis und sie unterstehen sozusagen der ständigen Kontrolle der Behörden. Aber daran kann man sich anscheinend gewöhnen. Ganz im Gegenteil, Ulbricht hatte veranlasst, dass die Bewohner in den Sperrgebieten besonders gut mit Lebensmitteln und Konsumgütern versorgt werden sollten. So konnte man durchaus gemütlich leben. Und dann kam der 13. August 1961, an dem die Grenze in Berlin geschlossen und die Mauer erbaut wurde. Aber was hat Berlin mit Dassow zu tun? Das bemerkten die Fischer ein paar Wochen später. Plötzlich standen Grenzpolizisten im Hafen und verboten den Fischern auf ihre Schiffe zu gehen und schon gar nicht auszufahren. Für die Fischer unverständlich – die bürokratische Sachlage wurde für sie bald zum Problem, denn die Fischerei war die Lebensgrundlage der Einwohner von Dassow. Aber nichts ging mehr. Viele Versammlungen, viel Streiterei, aber keine Lösung.

Und irgendwann präsentierte der Bürgermeister die Lösung der Partei: Die Fischer bekommen neue Liegeplätze in Wismar. Die Kutter sollen über Landweg nach Wismar verbracht werden. Die Fischer nahmen solch intelligente Lösung ungläubig wahr, aber die Partei befahl und so wurde gehandelt. Es wurde eine Rampe gebaut, um die Kutter an Bord von Tiefladern zu bringen. Dann stellte man fest, dass die Tieflader auf den Feldwegen einsanken. Sie waren schlichtweg zu schwer. Pioniere befestigten die Feldwege. Dann passten die Ladungen nicht unter die Brücken hindurch. So mussten die Aufbauten abmontiert werden. Das war reichlich umständlich, machte viel Arbeit und war ziemlich aufwendig. Aber Befehl ist Befehl und der wurde umgesetzt. Nach einiger Zeit lagen die Kutter in Wismar. Die Fischer fuhren zur See von Montag bis Freitag und begaben sich am Wochenende zurück nach Dassow. Die Fangfahrten waren sehr bürokratisch geworden, die Grenzpolizei musste jeden Kutter vor der Fahrt überprüfen.

Irgendwann wurde es zwei Fischerfamilien zu viel. Sie wollten dieses Leben nicht mehr akzeptieren. So fuhren sie wieder einmal nach Wismar, ließen die Familien nachkommen und versteckten sie auf dem Schliff. Am Montagmorgen lichteten sie wie gewöhnlich ihre Anker wie an einem normalen Fischfangtag. Über die Ostsee nahmen sie jedoch Kurs auf Travemünde und fuhren dort wieder ein in ihren Dassower See. Sie nahmen nun Quartier auf der anderen Seite des Sees, in der Bundesrepublik. Alles wie vorher? Nein. Fischen konnten sie auf dem Dassower See nicht mehr, denn sie hatten Angst, dass die Grenzpolizisten der DDR ihre Boote aufbringen und sie entführen könnten.

Und heute? Sie leben wieder in Dassow, aber ihre Kinder haben das Fischerhandwerk an den Nagel gehängt.

Eine interessante Geschichte? Ja, kurios und gleichzeitig bezeichnend. Eine solche Grenze verführt doch zu reichlich wilde Manöver in der Realität.

 

Ich spendiere eine Runde Bier. Ich bin also doch ein Finder.

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