Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Ostsee.13 (23)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 3

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Schließlich klopfe ich noch an der Ostsee an. Ich muss unbemerkt die Grenze passiert haben, denn plötzlich bin ich in Priwall (West), lande auf der Fahrspur zur Fähre und ehe ich es mir versehe bin ich in Travemünde.

Ich komme zu der Auffassung, dass ich meine Suche abschließen könnte, denn hier gibt es nichts mehr zu finden.

Man hat trefflich aufgeräumt.

Ich komme mir vor wie in einer Kriminalgeschichte. Der Kommissar kommt an den Schauplatz der Tat und er findet nichts mehr. Die Täter und die Polizisten haben sauber aufgeräumt, haben alle Indizien beiseite geräumt. Alle Beteiligten haben sich geschworen, dass von diesen Zäunen und Maueren nichts mehr erhalten bleiben soll.

Ich will mich hier nicht einmischen .Es soll so sein.

Priwall ist heute ein Zwischenzustand zwischen Schrebergarten und Villenviertel. Zu DDR-Zeiten war es ein abgetrennter Zipfel, durch die Trave getrennt von den westdeutschen Landen. Und vom ostdeutschen Land getrennt durch Zäune und Mauern. So entstanden die Schrebersiedlungen. Nur eine Straße führt durch die Halbinsel. Am Meer entlang. Und die Westdeutschen kamen zum Baden und sie wollten sich nackig auf den Sand legen. Priwall war der bekannteste FKK-Strand in Westdeutschland. Die Grenzer gingen gerne auf Patrouille und sahen sich die nackerten Westdeutschen an. Wobei FKK in Ostdeutschland eine größere Kultur hatte, häufiger praktiziert wurde. Die Straße war irgendwann zu Ende. Da stand ein Zaun und dahinter übernahm wuchernde Natur das Kommando. Der Zaun bewuchs sich.

Der Zaun reichte über den Sand bis hin zum Meer, tauchte dort ein in die Fluten der Ostsee. Nun war fatal, dass nicht der Zaun die Grenze war, sondern die unscheinbaren Stäbe, die man von westdeutscher Seite in den Sand gesteckt hatte. Wir kennen den Grund: nur keine richtige Grenze daraus machen. Aber gefährlich für die eigenen Bürger, weil diese in Unkenntnis schon mal die Grenze überschritten. Über Lautsprechern ertöntem dann eine blecherne Stimme. „Verlassen Sie das Hoheitsgebiet der DDR“. Das störte die Nackten aber nicht. Sie konnten damit leben.

Heute ist der Priwall wieder voll in der Hand von Touristen. Die Parkplätze sind überfüllt und am Strand liegen viele Menschlein und versuchen sich zu bräunen. Nichts von der Krebsgefahr des Ozon gehört? An der Priwall-Grenze findet man fast noch alles, ein paar Lochbetonplatten, ein Infoschild, einen Gedenkstein, ein Schild „Ende FKK-Strand“. Was will man mehr. Und doch irgendwie bin ich ernüchtert. Dieser Strand hat sich über alles Gedenken hinweggesetzt, die Grenze übersprungen. Man kann heute am Strand weiter laufen, so weit die Füße tragen. Strand, dann Dünen, ein Streifen mickrigen Waldes. Keine Ansiedlungen. Zu DDR-Zeiten war dies verboten und nun anscheinend auch. Kein Bauland ausgewiesen. Es ist ein tolles Gefühl über diesen Feindes-Sand-Strand zu laufen, auf dem es heute nur noch Freunde gibt. So haben sich Sand und Meer vereinigt.

Nun, wie auch immer. Ich will hier auf diesem Sand nicht mehr weiterlaufen. Ich weiß nicht wohin er führt, durch altes DDR-Sperrgebiet. Früher hat man sogar die Landkarten gefälscht. Die Wege und Straßen wurden verkehrt eingezeichnet, dass die, die sich bis hierher gewagt hatten noch vollends verwirrt wurden.

Am Ostseestrand gab es einst Wachtürme. Davon ist heute nichts mehr bekannt. Zurück nach Priwall.

 

Ich will noch die No-go-area an der Ostsee besuchen, im verbotenen Land verweilen.

Grenzland, genauso eingezäunt und bewacht wie der Rest der Grenze.

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