Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Dassow.13 (14)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 4

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Der Parkwächter am Strand von Harkensee

 

Der erste Ort nach Priwall auf DDR-Gebiet ist Harkensee, das noch zu Dassow gehört und biege ab zum Meer. Man kann ziemlich weit bis zum Meer fahren, dann aber ist es aus. Gesperrt für Fahrzeuge aller Art. Das hat nun zwar nichts mehr mit der Grenze zu tun, aber immerhin etwas mit gewissen Grenzen für den Tourismus. Mecklenburg hat sich zum beliebten Ferienland gemausert und immer mehr Menschen verbringen hier ihren Urlaub, wollen natürlich bis zum Meer fahren. Ich auch. Aber abgesperrt. Es geht nicht mehr weiter. Es gibt zwar keinen Zaun, aber eine Schranke.

Ein Parkplatz und ein Parkwächter. Er kassiert.

Er sagt, er sei der Eigentümer der Wiese. Er habe sie mit Schotter eingeebnet. Nun können hier die Autos parken. Er selbst sei zu nichts mehr zu gebrauchen. Aber Parkwächter kann er noch machen. Andere Gemeinden haben solarbetriebene Parkuhren aufgestellt. Im Osten gibt es nur das Beste. Aber er sei billiger als die solarbetriebenen Parkuhren.

Er zeigt mir den Weg zum Strand.

Ob noch etwas von der Grenzbefestigung zu sehen sei.

„Nein.“ sagt er voller Überzeugung und lacht mich an. Ich stelle fest, dass er einige Zahnlücken hat. „Das wäre keine gute Reklame für unseren Strand. Wer will schon vor einem Wachturm in der Sonne liegen.“

Da hat er vermutlich recht. Ich gehe den Weg hinunter zum Strand. Es sind nur 150 Meter. Einige Menschen liegen in der Sonne. Das Meer ist ruhig und es geht kein Lüftchen. Das wirkt auf mich nun fast etwas langweilig. Aber manchmal kann man sich an der Beschaulichkeit der Langeweile auch ergötzen. Ich setze mich an den Strand und sehe den langweiligen Menschen zu. Es geht kein einziger ins Wasser. Anscheinend ist die Ostsee zu kalt. Ich habe keine Lust es auszuprobieren.

Viele Menschen haben versucht, über die Ostsee zu fliehen. Aber die meisten waren nicht erfolgreich.

Die Statistiken sagen, dass von 1961 bis 1989 5609 Personen einen Fluchtversuch unternommen haben, 4522 wurden festgenommen, 174 starben beim Fluchtversuch und 913 waren erfolgreich. Das ist keine gute Quote. Diese Zahlen kannte natürlich keiner der Flüchtenden, so konnte auch keiner seine Chancen ausrechnen.

Besonders an der Ostsee hatte man ein Netz der flächendeckenden Überwachung eingeführt. Zu diesem Netzwerk gehörten die Volksmarine, die Grenzbrigade Küste, das Ministerium für Staatssicherheit, die Bezirksbehörden mit der Volkspolizei, die Transport- und Wasserschutzpolizei, der Zoll und die Kampfgruppen im Grenzgebiet. Und natürlich durften sich alle zivilen Stellen der gesamten Verwaltung in dieses Netzwerk integrieren. Die Vielzahl der festgenommenen Flüchtlinge zeigt, dass dieses Netzwerk durchaus erfolgreich arbeitete. Besonders wertvoll waren die Grenzsicherheitsaktivisten. Das waren der „sozialistischen Gesellschaft treu ergebene Werktätige, Mitglieder aus Betrieben, Schulen und Einrichtungen in den Wohnbezirken“. Anders ausgedrückt, es waren Spitzel und Denunzianten, denen es eine Freude machte, Flüchtlinge ans Messer zu liefern. Ich nehme an, dass ein solcher Verrat den Menschen schon immer lag. Letztendlich begann dies mit der unseligen Apfelgeschichte von Adam und Eva. Da hat Adam seine Eva verraten. Dann hat er Einsicht gezeigt und seiner Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies geholfen, auf dem Feld zu Recht zukommen. Er wurde zum erfolgreichen Jäger und Krieger und Ackerbauer.

Vielleicht arbeitet der eine oder andere Denunziant heute beim Roten Kreuz oder bei der Caritas. Könnte doch sein, dass auch Denunzianten bereuen.

Ich lasse so im Geist passieren, was ich alles zur Flucht über die Ostsee gelesen habe. Da sind welche mit dem Surfbrett über die Ostsee geeilt, andere im Faltboot, einige auch im Kutter. Und, was mich am meisten verwundert, einige sind auch geschwommen. Ich muss gestehen, ich hätte mir dies niemals zugetraut.

Mutige Menschen sind hier geflohen, vielleicht waren sie ein bisschen naiv. Vielleicht waren sie so verzweifelt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sahen. Dann war die Flucht immer besser, selbst der Tod war besser als ein Verbleiben.

Nach meiner Karte standen hier bei Harkensee ein Beobachtungsturm, und einer bei Barendorf und einer bei Großschwansee.

Ich könnte nun am Ostseeufer entlang wandern und Gedenkminuten einlegen für die einzelnen Beobachtungstürme. Aber das macht keinen Sinn.

Die Menschen, die hier sonnen tragen alle Badeanzüge. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht die Ostdeutschen eine besonders ausgeprägte Affinität zum FKK-Baden gehabt hätten. Psychologen erklären dies im Nachhinein so. Das Nacktbaden war für die Seele der DDRler eine gewisse Form von Freiheit. So badeten sie gerne und voller Überzeugung nackt. Den Behörden war dies ein Dorn im Auge. Warum eigentlich? Jedenfalls erließen sie alle möglichen Vorschriften und Verbote. „Nacktbaden ist hier verboten.“ „Nacktbaden ist überall verboten.“ Nur, niemand hielt sich daran. Die meisten badeten überall nackt. Das war ein guter Ausgleich. Man konnte der Staatsmacht den sandigen Arsch zeigen.

Nach der Wende setzte sich aber mit den Touristen aus dem Westen das Textilbaden durch. Was die Stasi nicht geschafft hatte, schafften die Westtouristen und die Tourismusmanager. FKK-Strände müssen seit der Wende extra ausgewiesen werden. Rechts von der Seebrücke in Boltenhagen, befindet sich ein rund 300 m langer FKK Abschnitt. Der Strand ist mit einer blauen Flagge ausgezeichnet und bewacht. So können die Nackten im Notfall schnell gerettet werden.

Ich lasse den Sand durch meine Finger gleiten. Der Sand rieselt angenehm.

Ich gehe am Strand spazieren und entdecke noch ein Stück des Kolonnenwegs. So sind doch nicht alle Spuren beseitigt. Und später erfahre ich, dass der Kolonnenweg tatsächlich noch fast vollständig an der Küste entlang führt von Priwall bis zur Steilküste von Steinbeck.

Ich stelle mir vor, wie das hier einst ausgesehen haben mag. Zäune durchzogen die Dünen, nicht so monströs wie an der Landesgrenze, aber auch unüberwindbar. Wachtürme in kurzen Abständen, so dass zwischen den Türmen Sichtkontakt gehalten werden konnte. Darüber hinaus gab es Bunker, Unterstände und weiter hinten Kasernen.

Der Erfindungsreichtum war groß, sowohl auf Seiten der Grenzbewacher wie auf Seiten der Grenzüberwinder. Man kann zweifelsohne die große logistische und organisatorische Leistung rühmen, eine solche Grenze aufzubauen. Und es gehörte eine gehörige Portion Ingenieurkunst dazu ein Mini-U-Boot für die Flucht mit einfachen Bauteilen zu bauen oder einen Schwimmantrieb zu konstruieren.

Meine Gedanken springen turbulent. Ich denke an eine andere Innovation, die hier das Licht der Realität entdeckte: der Strandkorb. Er gehört heute irgendwie  zum Ostseestrand. Das war bereits vor DDR-Zeiten so, während DDR-Zeiten ebenso, und jetzt stehen sie immer noch am Ostsee-Strand. Manches vergeht nicht.

Aber nicht hier am Strand von Harkensee stehen sie, sondern am Strand von Boltenhagen, wohin ich noch fahren werde. Boltenhagen war die erste „freie“ Stadt zu DDR-Zeiten. Hierher durften die Sonnenhungrigen DDR-Bürger fahren und ausgiebig baden, Sonne tanken, nicht an die DDR denken. Das westlich gelegene Land war Sperrgebiet. Es befand sich in der Hand der Grenztruppen. Ohne Strandkörbe. Am Strand von Boltenhagen stehen noch immer Strandkörbe, warten auf müde Touristen. Sie wurden nicht in Botenhagen erfunden, sondern in Warnemünde. Das ist nicht so weit entfernt. Angeblich war das Rheumaleiden einer Rostockerin der Auslöser für diese epochale  Erfindung. Die Dame wollte ihren Urlaub im kaiserlichen Seebad von Warnemünde verbringen, befürchtete jedoch, dass die rauen Ostsee-Winde nicht gerade ihre Genesung fördern würden. Auf ihre Bitte hin entwickelte ein Korbmacher einen Sitz mit Windschutz. Das tat er und nannte das Ergebnis Strandstuhl. Natürlich war dieser Strandstuhl aus dem Jahr 1882 noch nicht so elegant wie das heutige sehr komfortable Möbel. Im Laufe der Zeit entstand dann der erste Zweisitzer als Halblieger. Dieses Möbel aus dem Jahr 1883 ähnelte schon den Strandkörben, die ich in Boltenhagen überall sehe. In diesem Jahr (1883) eröffnete übrigens in Warnemünde bereits die erste Strandkorb-Vermietung.

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