Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Schwanbeck.13 (9)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 5

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Ich hätte entlang der Küste bis nach Boltenhagen wandern können, auf dem Kolonnenweg. Aber ich muss gestehen, dass ich nach meiner Reise doch etwas ermüdet bin und da es hier keine Mauern, Zäune und Wachtürme gibt, interessiert mich das Gebiet auch nicht so stark. Ganz zu Unrecht. Die Küstenlandschaft ist äußerst reizvoll, vom breiten, weißen, steinfreien Sandstrand bis zur zweithöchsten Steilküste entlang der Ostsee. Und Boltenhagen selbst ist das zweit älteste Seebad Mecklenburgs. Es gibt noch herrliche alte Häuser, entstanden vor der Jahrhundertwende in Bäderarchitektur, aber leider auch immer mehr funktionale Neubauten:  Wohnhäuser, Einkaufspassagen, Feriendomizile und diverse Kureinrichtungen.

Die Geburt als Seebad kann man mit dem Jahr 1803 festsetzen als die gräfliche Familie Bothmer aus dem Nachbarort Klütz den ersten Badekarren an den Strand schaffen ließen. Die Dörfler und Fischer von Boltenhagen, wo damals gerade mal zehn Häuser standen, staunten nicht schlecht. So begann die Karriere eines Strandbades. Das Baden wurde ein gesellschaftlicher Modetrend, das Bürgertum bestand darauf, sich beim Baden zu erholen.

So begannen die Boltenhagener bald ihre Zimmer zu vermieten. Die Bauern erweiterten ihre Bauernhöfe mit Logierhäusern. Daneben entstanden villenartige Ferienhäuser an der Standpromenade, also in unmittelbarer Nähe zum Strand. Diese wertvolle Bausubstanz der alten Bäderarchitektur ist zum Teil erhalten geblieben.

Dennoch bin ich kein Fan von Boltenhagen. Der Ort steckt noch zwischen DDR-Nostalgie und dem Bestreben, den großen Seebädern nachzueifern. Das ergibt ein etwas provinzielles Seebad mit dem Wunsch auf mehr. Irgendwie ist dabei die Identität auf der Strecke geblieben.

Bis zum Krieg war Boltenhagen Aufsteiger. Die Besucherzahlen nahmen stetig zu. Während des Krieges gingen sie zurück – selbstverständlich. Nach dem Krieg  strandeten viele Flüchtlinge. Über 2.000 Menschen wurden in Hotels und Pensionen untergebracht. Es begann die große Umgestaltung. Zuerst zogen die Amerikaner ein, dann die Engländer und schließlich die Russen. Die enteigneten zunächst einmal. Mit der “Aktion Rose” 1953 wurden vielen Pensionen enteignet und dem FDGB übergeben, dem freien deutschen Gewerkschaftsbund. Der FDGB übernahm in Boltenhagen nach und nach die Hoheit über Hotels und Pensionen, natürlich im Namen der Werktätigen. Die “Aktion Rose“ war eine von der SED und der Regierung der DDR sorgsam vorbereitete Aktion an der gesamten Ostseeküste der DDR, um den privaten Fremdenverkehr zu zerschlagen. Der FDGB erhielt einen Großteil der Hotels und Pensionen und der Fremdenverkehr ließ sich nunmehr staatlich kontrollieren.

Durch den Mauerbau 1961 wurde für DDR-Bürger Auslandurlaub fast unmöglich, und die Werktätigen trieb es an die Ostsee. Hatte der Ort 1935 etwa 300 Einwohner und 1939 etwa 800, so erhöhte sich die Zahl in den 70er und 80er Jahren auf etwa 2.500 Einwohner. Die Boltenhagener  vermieteten in ihren Wohnungen wieder Zimmer und in den  Eigenheimen die Kellerwohnungen. Die wurden im Volksmund als “Sachsenkeller” bezeichnet. Die Gewerkschaft investierte, baute in Platte, 1960 die Verpflegungsstelle “Fritz-Reuter-Heim” und so manche Häuser in bekannter Leichtbauweise

Nach der Wende brach der FDGB zusammen, und fast alle Heime wurden geschlossen. Die Urlauberzahlen verringerten sich. In den Jahren nach 1989 begann man die Heime den ehemaligen Besitzern oder Erben zu übergeben. Und neue Konzepte nach dem Vorbild westlicher Seebäder entstanden.

Überall wurde gebaut, entstanden neue Hotels, Restaurants, Geschäfte und Appartementhäuser. Über 6000 gewerblich genutzte Betten werden heutzutage wieder angeboten – bald hat man die Vor-der-Wende-Zahlen wieder erreicht. Das Angebot an Restaurant-Sitzplätzen hat sich nach der Wende verfünffacht, die Einkaufsmöglichkeiten haben sich sogar verzehnfacht. Fast eine halbe Milliarde DM ist hier nach der Wende verbaut worden.

Es hat sich viel verändert: Wo einst zu DDR-Zeiten bis zu 1000 FDGB-Urlauber in drei Schichten ihre Mahlzeiten einnahmen, steht heute ein neues Hotel im Bäderstil.

Mit Eröffnung einer Ostseetherme wurde Boltenhagen zum Seeheilbad, der höchsten Auszeichnung für einen Badeort, ernannt.

Ich gratuliere.

Wie sieht das Profil eines solchen Ortes aus? Im Sommer ein überquellender Ferienort, heimgesucht von Menschenmassen. Die Einheimischen schuften, machen Geschäfte und kassieren Geld. So viel wie möglich. Es gibt aber mittlerweile so viele Wohnungen, dass nicht einmal im Sommer alle vermietet sind. Aber alle Parkplätze sind belegt und die Autos schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch den Ort. Was suchen die Menschen eigentlich hier?

Im Winter suchen die Menschen andernorts. Boltenhagen ist aufgeräumt, die Fensterläden geschlossen, die Türen abgeschlossen. Kaum jemand befindet sich auf den Straßen. Die Einheimischen huschen irgendwohin. Sie wissen hoffentlich, welche Läden noch geöffnet haben und wo sie sich noch ihr Brot besorgen können. Es sieht traurig aus. Das hat aber nichts mit der Geschichte zu tun, sondern ist eben das Schicksal einen Ostee-Seebades.

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