Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Schwanbeck.13 (3)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 8

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Mein Mann war IM

 

Die letzte Geschichte, die ich zu erzählen habe ist eigentlich nicht erzählenswert. Natürlich habe ich der älteren Dame auch über meine Reise berichtet. Sie fand die Idee sehr gut und sie werde sich das Buch auf jeden Fall kaufen und aufmerksam lesen.

Ich habe das Gefühl, dass sie mir etwas sagen will. So bleibe ich still in ihrem Wohnzimmer sitzen und schlürfe den Tee, den sie mir angeboten hat.

„Es fällt mir schwer, in unserer heutigen Welt zurechtzukommen.“ sagt sie. „Vielleicht ist es auch nicht mehr so wichtig, denn wir haben unser Leben gelebt. Wir selbst empfanden das Leben in der DDR nicht so schlimm. Aber wir kannten ja nichts anderes. Wir hatten durchaus unser kleines Glück gefunden.“

Sie sah mich aufmerksam an. „Sie müssen das so verstehen, der Staat hat von uns so einiges verlangt. Das haben wir getan, dann konnten wir in Ruhe und Zufriedenheit leben.“

Ich sah sie an, wusste nicht genau, was sie damit meinte. Dann fügte sie sehr leise hinzu: „Mein Mann und ich waren beide IM. Wir beteiligten uns auch an der Sicherung der Grenze. Für uns war dies eine staatsbürgerliche Pflicht. Wir haben uns nicht nur auf die Versorgung durch den Staat verlassen, sondern wir wollten auch unseren Beitrag leisten.“

Ich saß still da. Jedes Wort wäre fehl am Platz gewesen.

„Mit der Wende ging für uns eine Welt zugrunde. Wir stellten plötzlich fest, dass wir schuldig geworden waren. Wir haben denunziert und verraten. Mein Anteil war relativ gering, aber mein Mann hatte viele Informationen über seine Geschäftskollegen an die Stasi gewesen. Ich wusste dies und habe es auch für Rechtens gehalten. Aber nun wussten wir plötzlich, dass wir schuldig geworden waren.“

Ich trank die Tasse Tee leer.

„Wir sprachen mit einem Pfarrer, was wir tun sollten, wie wir uns verhalten könnten. Und der riet uns, die Betroffenen um Verzeihung zu bitten.“

Sie räusperte sich, das Sprechen fiel ihr nicht leicht. Aber sie wollte mich ganz bewusst darüber informieren.

„Wir haben uns lange darüber unterhalten. Es ist nicht so einfach, zu einem Geschäftskollegen zu gehen, und ihm zu sagen, ich habe dich beobachtet, ich habe Informationen über dich an die Stasi gegeben. Bitte verzeih mir. Und wir wussten natürlich auch, dass nicht alle unsere Informationen harmlos waren. Aufgrund unserer Denunziation sind Menschen verhaftet worden. Aber wir haben uns zu diesem Gang entschieden.“

Sie schenkte mir Tee nach. Ich bedankte mich mit meinem Kopfnicken.

„Wir gingen gemeinsam los. Wir baten um ein Gespräch, berichteten und baten um Verzeihung. Die meisten Menschen waren erstaunt über unsere Aktion. Anscheinend war das recht ungewöhnlich. Die meisten freuten sich darüber. Und fast alle haben uns verziehen. Wir wollten schließlich noch einen Kollegen besuchen, von dem wir schon lange nichts mehr gehört hatten. Wir hatten damals den Verdacht, dass er Republikflucht begehen wollte und hatten dies gemeldet. Aktivitäten. Als wir zu seiner Wohnung kamen war nur seine Frau anwesend. Sie war reichlich überrascht über unseren Besuch und wir brachten unser Anliegen vor. Sie schwieg eine lange Zeit. Dann teilte sie uns mit, dass ihr Mann im Stasi-Gefängnis gestorben sei. Deswegen könne sie uns nicht verzeihen.“

Ich griff hastig nach der Teetasse.

„Wir waren fassungslos. Mit solchen Konsequenzen hatten wir nicht gerechnet. Wir hatten keine Ahnung, dass unser Tun solche Auswirkungen haben könnte. Mein Mann fühlte sich natürlich sehr schuldig. Er wurde nach diesem Erlebnis sehr depressiv. Er verlor alles Interesse an seiner Umwelt, sprach nicht mehr, auch nicht mit mir und zog sich vollständig zurück.

Wir unternahmen keine weiteren Besuche, hatten Angst, dass wir noch so eine Wahrheit erfahren könnten.

Er hat sich dann aufgehängt als ich einmal einkaufen war. Ich hatte es fast geahnt. Er wollte für sein Vergehen sühnen. Ohne Vergebung kann kein Neuanfang geschehen. Eine Vergebung kann es aber nur geben, wenn man seine Schuld eingesteht.“

Nun hatte ich die Teetasse in der Hand und wollte sie nicht zurückstellen.

„Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man für alles im Leben bezahlen muss, irgendwann und irgendwie. Darüber muss man sich bewusst sein, ehe man überhaupt irgendetwas tut.

Ich habe mich später noch einmal mit der Frau getroffen. Sie hat uns nunmehr verziehen und auch ich habe ihr verziehen, denn sie fühlte sich ebenfalls schuldig. Man sollte die gegenseitige Schuld nicht aufwiegen. Und auch die Verzeihung hat kein unterschiedliches Gewicht.

Ich meine, dass ich aufgrund der Verzeihung wieder ein kleines Glück verspüren durfte. Das große Glück erwarte ich nicht mehr.“

 

Ich hatte das Gefühl, darüber nicht weiter reden zu wollen. Ich trank den Tee aus, bedankte mich und verließ sie. Sie nickte. Sie hatte nicht mehr erwartet.

 

Ich fand zwei Straßen weiter eine Kneipe und ich stellte mich an den Tressen und trank ein Bier und dann noch eines.

Dann setzte ich mich an einen Tisch und bat um die Karte.

Die Wirtin sagt, sie empfehle mir Aalsuppe, frisch gemacht, stehe heute ganz oben auf der Karte. Und ich stimmte ihr zu.

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