Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Schwanbeck.13 (9)

38. Von Lübeck nach Klütze, Teil 9

| Keine Kommentare

Die Aalsuppe

 

Die Aalsuppe kann man nur in Norddeutschland essen. Und das passt jetzt richtig gut. Ich bin nicht in Ostdeutschland, nicht in Westdeutschland, sondern in Norddeutschland. Wenn ich über meine Reise nachdenke, dann stelle ich fest, dass es zwischen Norddeutschen und Süddeutschen viel mehr Unterschiede gibt als zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Im Norden wird alles teuerer, nimmt die Bevölkerungsdichte ab, gibt es weniger Wein und sogar weniger Biersorten. Ich stelle dies nur fest, es hat mich nicht gestört. Ich habe die Eigenheiten eines jeden Landstrichs genossen.

Und hier esse ich nun Aalsuppe.

Die Wirtin hat mich misstrauisch angesehen als ich sie gefragt hatte, ob sie mir das Rezept erzählen könnte. Ich versprach ihre keine Konkurrenz zu machen.

Also gut, sagte sie. Für sechs Portionen benötigt man 2 Stück Aal, einen Schinkenknochen mit reichlich Fleischresten, Fleischbrühe, eine Zwiebel, dann Suppengrün, Sellerie, Möhren, Lauch, Erbsen, ein halbes Kilo Obst, am besten Backobst, Essig, Majoran, ein kräftiger Schuss Weißwein, Majoran, Zucker, Salbei, Petersilie, Rosmarin, Thymian…

Sie denkt noch kurz nach, dann meint sie, dass es dies gewesen sei.

„Ich beginne dann immer mit dem Schinkenknochen: etwa 10 Minuten mit ausreichend Wasser bedeckt kochen lassen. Dann gebe ich das geputzte und in grobe Würfel geschnittene Suppengrün, die abgezogene ganze Zwiebel und die Fleischbrühe dazu und lasse das Ganze etwa eine Stunde lang kochen.“

Ich bestelle noch ein Bier.

„Anschließend nehme ich die Knochen, das Suppengrün und die Zwiebel aus der Suppe, löse das Fleisch vom Knochen, schneite es klein und gebe es wieder in die Suppe geben. Das Suppengrün und die Zwiebel können Sie wegwerfen. Die Suppe lasse ich über Nacht kalt werden, schöpfe das Fett ab. Dann kann man auch das übrige Gemüse vorbereiten, putzen, in Stücke schneiden und die Erbsen enthülsen. Das Backobst lasse ich im Wasser schön quellen. Schließlich gebe ich das Gemüse und das Backobst in die Suppe und lasse das Ganze nochmals 20 Minuten kochen.“

„Und wann kommt der Aal?“ will ich wissen.

„Junger Mann, nicht so voreilig. Zuerst schmecke ich mit Essig und Zucker ab. Wichtig ist, dass man einen süßsaueren Geschmack hinbekommt. Es kommen noch frische Kräuter hinzu.

Und dann kümmern wir uns um den Aal. Er wird gut gewaschen, in Stücke geschnitten, im Weißweinsud (halb Wein, halb Wasser) etwa 10 Minuten gegart. Dann muss ich nur noch die Aalstücke häuten, entgräten und zusammen mit dem Kochfond in die Suppe geben.“

Die Tochter kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt mit einer großen Terrine. „Das ist sie.“ Sagt die Wirtin stolz. „Ich bin mir sicher, dass sie Ihnen mundet.“

„Und noch ein Bier bitte.“

Ich würde nun gar nicht wagen, ein kritisches Wort über diese Aalsuppe zu vermerken. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Sie schmeckt vorzüglich.

 

Ich denke noch immer über meine Wirtin nach. Darf ich sie bewundern? Darf ich sogar ihren Mann bewundern? Er steht zu dem, was er gemacht hat – auch bei tragischem Ausgang.

Andere nicht.

Die halten einfach den Mund. Wenn es niemand weiß, macht es auch mich nicht heiß.

Keine Schuldgefühle?

In Brandenburg steht die Linke in der Regierungsverantwortung. Und eigentlich sollten alle aufklären über ihre DDR-Vergangenheit, welche Funktionen sie inne hatten, was sie getan haben.

Es ging noch nicht einmal darum, um Verzeihung zu bitten.

Doch die Abgeordneten schwiegen. Erst wenn sie überführt wurden gaben sie das zu, was ohnehin bekannt war.

Keine Zivilcourage? Zu DDR-Zeiten ein Denunziant, nach Wendezeiten ein Feigling.

„Bitte noch ein Bier.“

 

Ich bin nun am Ende meiner Reise angelangt und eigentlich würde ich gerne ein Resümee ziehen. Aber ich kann dies nicht. Es fällt mir schwer. Ich habe mich mit einem Teil unserer doch immer noch jungen Geschichte befasst und habe festgestellt, dass viele diese Geschichte schon vergessen haben und gar nicht daran erinnert werden möchten. Ich kann auch nicht mit Gewissheit sagen, dass ich mir sicher wäre, dass so ein Unsinn nie wieder, nie wieder geschehen würde. Und damit dieses nicht wieder geschieht, sollte man das Vergessen verbieten, die Erinnerung stabilisieren.

„Bitte noch ein Bier.“

„Möchten’S lieber einen Aquavit? Der passt gut zum Aal.“

Wir einigen uns auf ein Bier und einen Aquavit.

Kommentar verfassen

Pflichtfelder sind mit * markiert.