Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Von Mödlareuth bis zur Raststätte Frankenwald

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Hirschberg.13 (10)Das aufregende Leben in Hirschberg

Als ich in Hirschberg ankomme, regnet es. Schon deswegen entzückt mich die Stadt nicht. Eine Kleinstadt mit 2600 Hirschbergern. Liegt terrassenförmig am rechten Ufer der Saale. Ich identifiziere zunächst einmal nur Kastenhäuser, die meisten renoviert und durchaus schmuck, aber auch andere, die gerade renoviert und geschmückt werden, wieder andere, die verfallen und überhaupt nicht schmuck sind. Ein Kasten als Kulturhaus, ein Kindergarten, die Fassaden bunt gestrichen – in der Karl Liebknecht Straße. Neu – der Soli lässt grüßen. Es ist ersichtlich, dass in den letzten fünfundzwanzig Jahren viel nachgeholt wurde. Die Kirche mit spitzem Turm dominiert im Dorf und darüber auf einem Hügel befindet sich die Burg. Sie soll schon im 12. Jahrhundert erbaut worden sein. Und seit 1886 gibt es Bahner`s Hirschberger Kräuter-Bitter. Wohl bekomm`s.

Hirschberg hat für mich einen besonderen Klang. Ich versuche mir darüber Klarheit zu verschaffen. Der Klang führt mich an den Autobahngrenzübergang und zu der gigantischen Brücke über die Saale. Mehr als alles andere wurde diese Brücke zu einem Mahnmal.

1936 wurde die Brücke das erste Mal eingeweiht, eine 288 Meter lange Natursteinbrücke mit Aussichtsplattform und Hakenkreuzstele. Sie sollte die “deutschen Gaue” für alle Ewigkeit symbolisch vereinen. Doch bereits 9 Jahre später sprengte die Wehrmacht auf ihrem Rückzug das monumentale Bauwerk, wurde diese Ewigkeit beendet. Ein Beweis, wie kurz Ewigkeiten sein können.

Die Sprengung der Wehrmacht traf die Brücke ziemlich genau in der Flussmitte. Erfolgreich: Es gelang eine punktgenaue Grenzzerstörung. Vielleicht mit Symbolwert.

Der Schauplatz avancierte rasch zum Gesicht der Trennung und verkam zum Besichtigungsziel der Grenzlandtouristen. Von Hof aus konnte man sogar per städtischer Buslinie zur zerstörten Brücke fahren. Reiseführer sprachen vielleicht so: „Meine Damen und Herren, Wir befinden uns hier an einem wichtigen Punkt der Teilung, die unser Land überschattet. Im Krieg wurde die Grenze gesprengt. Aber nach dem Krieg erfolgte kein Neuaufbau, weil unversöhnliche Mächte auf beiden Seiten der Grenze das verhinderten. Wir sind geteilt. Wir schmachten unter der Teilung. Erst wenn die Brücke wieder über die Saale führt werden sich die Beziehungen normalisieren. Die Brücke ist und wird, und wird immer wieder ein Symbol für die ausstehende Wiedervereinigung Deutschlands sein.“

Die halbzerstörte Brücke wurde zum Zeigefinger-Mahnmal für die Wiedererlangung der deutschen Einheit. Für Reisende auf der Autobahn nach München oder Berlin war das Mahnmal reichlich ärgerlich. Sie mussten eine mehr als einstündige Umleitung auf holprigen Landstraßen hinnehmen.

Ab dem Jahr 1958 verhandelten Ost und West über den Wiederaufbau. Das Ergebnis war einfach, die DDR baute, die Bundesrepublik übernahm die Kosten. Interessant am Rande ist sicherlich, dass es wohl keinen Diskussionsbedarf gab, wie die Brücke aufzubauen war. Natürlich originalgetreu, also im Stil der Reichsbaumeister. Ist Architektur Politik? Die Frage beantwortete man damals nicht. Die Römer hätten es besser gemacht,

Architektur ist Politik. Unberührt von aller sonstigen Propaganda galt für die Straßenbauer auf beiden Seiten die Nazi-Architektur als ästhetisches Vorbild. Am 19. Dezember 1966 wurde die Autobahnbrücke somit ein zweites Mal eingeweiht.

13 Jahre später: In den Tagen nach dem 9. November 1989 nahmen  zehntausende Zweitakter die Brücke in Besitz und versprühten ihre Abgaswolken. Als sich der Dunst verzogen hatte, konnte man die Brücke wieder von beiden Seiten frei inspizieren. Da entdeckte man hoch oben an einem Pfeiler der Grenzbrücke noch ein altes Hakenkreuz. Das hatte – Ironie der Geschichte – niemanden gestört. So konnte man erst 1990 alle politischen Erinnerungen an die Nazi-Diktatur und an die SED-Diktatur gleichermaßen ausmerzen. Aufgrund des zunehmenden Verkehrs wurde die Brücke auf sechs Spuren erweitert, diesmal mit einem schlichten Betonbauwerk. Seit dem 3. Oktober 1990 trägt das Bauwerk den Namen “Brücke der Einheit”.

 

Den Hirschbergern bedeutete die Brücke gar nicht so viel. Bis zum Herbst 1989 prägten Mauern, Stacheldraht und Todesstreifen nachdrücklich das Leben in der Stadt, denn sie wurde mit der Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie vom 26. Mai 1952 buchstäblich abgeriegelt. Zunächst bestanden die Sperranlagen noch aus einfachen Holzzäunen, aber in den späteren Jahren wurden die Grenzanlagen sozusagen perfektioniert. 1400 Meter Mauer wurden in Hirschberg verbaut.

Hirschberg lag sowohl in der Sperrzone (5 km) wie auch im Schutzstreifen (500 m). Alle Bewohner des Schutzstreifens und der Sperrzone benötigten eine Wohn- und Aufenthaltsgenehmigung. Die Einreise war nur über die Kontroll-Passier-Punkte mit einem Passierschein möglich.

 

Vermutlich ist es ein Zwang der Deutschen, Zäune zu erstellen. Selbstverständlich habe ich zuhause einen Gartenzaun. Warum auch nicht? Jeder Garten bei uns hat einen Gartenzaun. Und gute Deutsche lebten auch in Ostdeutschland. Sie pflegten die Zaunophonie in ihrer Vollkommenheit. Ein Ort an der Grenze muss nach Westen abgeriegelt werden mit Zäunen, Mauern, Wachtürmen, Bunkern. Der Ort muss aber auch nach Osten abgeriegelt werden, damit niemand ungenehmigt den West-nahen-Ort besuchen konnte. Er hätte sich eine West-Ansteckung holen können.

Irgendwie ist diese Dialektik schwer verständlich. Aber sie hatte in der Praxis massive Auswirkungen, zum Beispiel auf das historische Wiesenfest, Jahrmarkt und Verkaufsshow gleichermaßen und Sehnsucht der Bürger. 1952 wurde ihnen mitgeteilt, dass in Hirschberg aufgrund des Sperrzone-Status keine Veranstaltungen stattfinden durften, auch nicht das Wiesenfest, worauf ein zäher Kampf um das Wiesenfest begann. Es war ein Kampf gegen die Bürokratie, gegen die Engstirnigkeit, gegen den Optimierungswahn. Sie fanden einen widersinnigen und erniedrigenden Ausweg: Das Wiesenfest fand nicht mehr statt, aber ein Fest zum Internationalen Kindertag. Ich verstehe das nicht. Der Kampf um das Wiesenfest wurde von den Bürgern mit einiger Phantasie über all die Jahre gekämpft, nicht immer erfolgreich, aber immer engagiert. Nach der Wende hielt jemand ein Schild in die Kameras auf dem stand: “510 Jahre Hirschberg – davon 10.359 Tage eingesperrt.”

 

Unvorstellbar, welche Schikanen sich die Behörden gegen das eigene Volk einfallen ließen. Irgendwelche Entscheidungen wurden am grünen Tisch getroffen, die Auswirkungen nicht bedacht, aber konsequent nach unten durch alle Hierarchiestufen durchgezogen. Befehl ist Befehl. Nur mit List und Tücke konnte sich die Bevölkerung kleine Freiheiten bewahren.

Da haben sich die Motive von Macht und Ordnung gegenseitig potenzieren. Mehr Macht fordert mehr Ordnung und mehr Ordnung bringt mehr Macht. Offensichtlich ist dies ein Krankheitsbild. Vielleicht waren manche SED-Funktionäre einfach krank.

 

Auf der Weiterfahrt über Tiefengrün auf der „Westseite“ sieht man urplötzlich die Autobahn mit der Autobahnraststätte Frankenwald. Das Brückenrasthaus überspannt die Autobahn wie ein mächtiger Riegel. Die Raststätte hatte in ihrer stilvollen Modernität eine unübersehbare Bedeutung für alle Ausreisenden aus der DDR, wurde zum Lichtblick in eine neue, schönere Welt. Für viele Menschen war die Raststätte der Platz der Erleichterung. Heute ist die Raststätte durchaus ein bisschen altmodisch, aber die ehemalige Eleganz steht ihr noch gut.

 

Wenn ich auf der Autobahn die Grenze passiere, fällt mir zunächst nur auf, dass die erlaubte Geschwindigkeit schnell reduziert wird. Auf 100, auf 80… Als aufmerksamer Fahrer denkt man nach. Ist hier eine Gefahrenzone, eine Baustelle, ein Unfall? Nein, es ist nichts. Es ist nur die alte Grenze, von der man heute auf der Fahrbahn nichts mehr bemerkt, nur die Geschwindigkeit wird reduziert. Nach der „Grenzüberquerung“ darf man wieder ohne Beschränkung fahren. Wurden die Verkehrsschilder einfach vergessen? Oder ist es bewusste Behördenwillkür, die die Erinnerung an die ehemalige Grenze jedem Autofahrer erzwingen will? Ich weiß es nicht.

Ein Kommentar

  1. Eine Frage: wer alles kann jetzt eigentlich diese tolle Serie lesen? Wie wird man darauf aufmerksam? Ich kann die Lektüre sehr empfehlen, abwechslungsreich, anschaulich, spannend…..

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