Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

12. Von Bad Rodach nach Billmuthhausen, 2. Teil

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031.Billmuthhausen.15Ich beginne zu verstehen, dass man es im Grenzgebiet der DDR mit einem System zu tun hatte, das von außen gesehen unmenschlich und unbarmherzig war, das sich aber im Innern durchaus Strukturen gegebenen hatte, die die Insider, die Inneren als gerecht, logisch, nachvollziehbar, geradlinig empfanden. Diese Strukturen sind gewachsen, wurden geformt von der gesamten Bevölkerung. Denn auch die Vopos gehören zur Bevölkerung und die Bürgermeister und die Feuerwehmänner, und die Traktorfahrer… Es mag daran gelegen haben, dass die Menschen sich nach dem Krieg nach einer Geborgenheit in einem fürsorglichen Staat sehnten und gar kein Interesse hatten sich selbst aktiv einzubringen, eigene Freiheiten zu nutzen. So entstanden Überwachungsstrukturen, zunächst als Fürsorge gedacht bis sie zur Überwachungs-Last wurden. Viele Menschen halten es für eine Belastung, wenn sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. So ließen sie es geschehen.

Diejenigen, die die Freiheit schätzten hatten dem Staat ohnehin schon den Rücken gekehrt. Zuerst verließ der Adel das Land, ließ seine Ländereien im Stich, akzeptierte, dass er sich gegen die Enteignungen nicht wehren konnte. Dann verließen die Bürger und die Intellektuellen das Land. Sie hatten erkannt, dass ihnen das Denken vorgeschrieben wurde. Dann folgten die eigenständigen Bauern, die sich nicht vergewaltigen lassen wollten, nicht bereit waren, einer LPG beizutreten. Und es blieben diejenigen übrig, die sich an den Staat kuschelten, die sich von der Fürsorge des Staates einlullen ließen und die unverbesserlichen Idealisten, die in der Realität häufig ohnehin nicht ankommen. So konnten die Bürokraten ihre Macht ungehindert ausbauen. Denn es fehlte das einzige Gegengift zur Macht: die Freiheit und die Freiheitsliebe.

Man könnte natürlich darüber nachdenken, wie es im Westen mit der Freiheit bestellt war. Auch im Westen war die Freiheit eingeschränkt, jede Regierung schränkt durch ihre Existenz die Freiheit ein. Eine Regierung der Freiheit ist letztendlich ein Widerspruch. Ihr Ziel wäre es, konsequent gedacht, sich selbst überflüssig zu machen, die Staatsmacht sozusagen aufzulösen. Dies ist ein Paradoxon, das auch Eltern erleben, wenn sie ihre Kinder zur Selbständigkeit erziehen. Sie bemerken den Widerspruch just in dem Augenblick, in dem die Kinder ihre Eltern nicht mehr benötigen. Ein Psychologe, der seine Patienten stärkt merkt plötzlich, dass er überflüssig wird. Natürlich werden sich eine Regierung und ihre Bürokratie nicht überflüssig machen, aber man kann gut über sie wachen, sie zwingen, Zwänge abbauen, Regeln, Ämter, Behörden. Selbst viele Verkehrsschilder (die nicht schmerzen) sind sinnlos und engen damit sinnlos die Freiheiten ein. Eine gute, freiheitliche Regierung übt sich in der strikten Trennung der Gewalten, in der Stärkung des Parlaments gegenüber der Exekutiven, Stärkung der Machtkontrolle durch den Bürger, Bekämpfung von undurchsichtigen Einfluss- und Lobbygruppen.

Nichts ist realer als Macht. Sie besetzt die Gehirne, die Körper, die Gesten. Sich ihrer zu erwehren beginnt daher in der Wirklichkeit des Alltags. In der DDR fand dies beeindruckend statt: 1989. Mit einer fulminanten Kraft.

 

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