Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Ummerstadt.13 ( 4)

13. Von Billmuthausen nach Zimmerau, Teil 2

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Wenn Politiker einmal antworten

 

Ich hatte zu einer ganz anderen Gelegenheit einen ehemaligen Landrat kennengelernt. Vorher unpolitisch, war er nach der Wende gewählt worden, aber nach einigen Jahren wieder ausgestiegen, weil er eben doch eher unpolitisch war. Er berichtete mir genauestens wie damals die „Aktion Ungeziefer“ ablief.

Vom 1. bis 9. April 1952 hielt sich eine DDR-Delegation in Moskau auf. Stalin sprach davon, dass die Grenze gefährdet sei. Daraufhin entwarf die Sowjetische Kontrollkommission konkrete Maßnahmen zum Schutz der Grenze. Der Ministerrat erließ am 26.5.1952 eine Verordnung. Mit dieser Verordnung wurde die 5-km-Sperrzone eingeführt. Interessant ist dabei, dass eine gefährdete Grenze geschützt wird, indem man sie nach innen befestigt.

Die Bevölkerung in dieser Zone wurde registriert. Die Registrierten erhielten in die Ausweise Stempel, die nur sie zum Betreten dieser Sperrzone berechtigten. Anderen Personen wurde das Betreten verboten. Weiterhin benannte man die als politisch unzuverlässig eingeschätzten Personen. Der Plan war, sie auszusiedeln. Dadurch wird die verbleibende Grenzbevölkerung eingeschüchtert und die werde sich angepasst verhalten. In jeder Region wurde eine Arbeitsgruppe mit je einem Angehörigen des Passamtes, der Kriminalpolizei und der Schutzpolizei gebildet. Diese drei Personen schlugen der übergeordneten Kreiskommission die auszuweisenden Personen vor. Dieser übergeordneten Kreiskommission gehörten in der Regel fünf Personen an: der erste Sekretär der SED Kreisleitung, der Landrat, sein Stellvertreter, der Chef der Volkspolizei und der Chef der Staatssicherheit.

In vielen Regionen wurden Familien ausgesucht, die zur Mittelschicht gehörten, also selbständige Handwerker, Bäcker, Gastwirte, Landwirte. Offensichtlich wollte man die Personen aus dem Grenzgebiet entfernen, die einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung der Bevölkerung hatten.

Dann kam die Umsetzung. Code-Name: Aktion Ungeziefer. Beginn am 5.6.1952 um 4.00 Uhr morgens in Thüringen. Die benannten Familien wurden aus dem Schlaf gerissen und ihnen im Namen der Regierung der DDR mitgeteilt, dass sie innerhalb von zwei Stunden das Haus zu verlassen hätten. Draußen vor dem Haus standen bereits die Lastwagen. Der bewegliche Besitz der Familien wurden auf die Lastwagen verladen, die Menschen selbst zu einem Zug gebracht, wo sie gesammelt, eingepfercht, gedemütigt wurde – nein sie sind keine Juden und es herrschen auch nicht mehr die Nazis. Wenn die Züge voll waren fuhren sie los und verfrachteten ihre menschliche Ladung ins Landesinnere. Wenn die Familie Glück hatten, kamen irgendwann die Lastwagen mit ihrer Habe an. Der sonstige Besitz, das Land, der Bauernhof, die Kühe wurden zum großen Teil beschlagnahmt und ins Volkseigentum übergeführt.

Man geht davon aus, dass dieses Schicksal 8369 Personen widerfuhr. In Ummerstadt waren es 29 Personen. Geplant war eigentlich die Deportation von 10375 Personen. Die Differenz von etwa 2000 Personen ergibt sich dadurch, dass es diesen Personen gelang, nach Westdeutschland zu fliehen. Fast alle Personen, die aus Ummerstadt ausgewiesen wurden sind später nach Westdeutschland geflüchtet.

 

Und mein Landrat a.D. erwähnt dann noch ein paar Zahlen. „Wissen Sie, dass die Partei der Linken im Bezirk Sonneberg mit 30,9% der Stimmen die stärkste Partei wurde, in Suhl mit 31,7% ebenso. In Suhl errang die Linke außerdem ein Direktmandat?“

Nein, das wusste ich natürlich nicht.

„In der Linken sind auch heute noch die Kräfte organisiert, die zumindest geistig verantwortlich sind für die Aktion Ungeziefer.“

Vermutlich haben auch die Ummerstädter links gewählt. Dann kann ich mir anscheinend doch die Antwort auf meine Frage geben, ob in Ummerstadt schließlich nur die Zuverlässigen, die Vopos, die Roten, die SED-Mitglieder, die Kommunisten leben. Anscheinend ja. In den Fachwerkhäusern hausen die Kommunisten. Und der Traktorfahrer ist vielleicht auch Kommunist?

Der altersgraue Landrat schaut mich recht nachdenklich an. „Das war einmal. Heute würde sich fast keiner mehr als Kommunist bezeichnen. Aber was ist die Konsequenz? Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Täter sich heute als Opfer geben. Das ist nicht allein ein politisches Phänomen, auch ein kriminalistisches. Da wird ein Mensch überfallen, niedergeschlagen. Er ist das Opfer. Von ihm spricht bald niemand mehr. Der Täter wird gefasst, ein Prozess läuft ab und die Verteidiger bieten dem Angeklagten ein Forum. Die schwere Jugend ist schuld, die Gesellschaft hat versagt. Der Täter war nur besoffen und kann nichts für seine Taten. So wird der Täter allmählich zum Opfer. So geht es auch dem überzeugten Stasi-Mitarbeiter. Das System war schuld. Er ist nur seinen Befehlen gefolgt. So war das eben. Unschuldig. Wird er auf seine Vergangenheit angesprochen wird, fühlt er sich verfolgt. Seine Persönlichkeitswürde wird verletzt und er, das Opfer, klagt dagegen. Manche Gerichte stimmen dem Ansinnen zu. So wird der Täter zum Opfer. Über die wahren Opfer redet ohnehin niemand mehr.“

Er schüttelt den Kopf. „Wir leben eben in einer verkehrten Welt.“

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