Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

042.Gompertshausen.04

14. Von Zimmerau nach Irmelshausen, Teil 1

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Der Bayernturm von Zimmerau

 

In Zimmerau befindet sich ein absolut scheußlicher Aussichtsturm, fantasielos Bayernturm genannt, einstmals für Westdeutsche erbaut, die einen voyeuristischen Blick in die DDR werfen wollten. Heute bietet sich diesen Blicken weder An- noch Aufregendes, deswegen kommen auch keine Besucher mehr. Die Türme haben auf beiden Seiten ausgedient. Der Turm sieht aus wie eine Keksdose, die sich auf einem Eisengestellt befindet. Der große Parkplatz darum herum ist leer. Einst hat ein tüchtiger Bürgermeister den Turm erbauen lassen, um den Fremdenverkehr anzukurbeln. Nun hat ihn die Wende seiner Legitimation beraubt. Unter dem Bayernturm befinden sich lauter kleine, saubere Einfamilienhäuser mit Garten darum herum.

Ein Mann arbeitet im Garten. Er bestätigt meine Vermutung: „Es kommt kaum noch jemand hierher. Man könnte den Turm auch abreißen.“

Aber wer soll das bezahlen? Die Gemeinde hat nicht so viel Geld. „Den größten Besucherandrang hatten wir nach der Grenzöffnung. Die Ossis kamen in Scharen und wollten von oben, aus Westsicht ihr Land sehen. Aber das ist lange vorbei. Selbst die Ossis pilgern nicht mehr hierher.“

Er zuckt fast etwas resigniert mit den Schultern. So verändert sich eben die Welt.

 

Von Rieth nach Gompertshausen. Dort erhebt sich ein Wachturm. Von ihm konnte man wahrscheinlich den Bayernturm im Auge behalten. Und dann steht nicht weit entfernt ein Kreuz, hergestellt aus dem Streckmetall des ehemaligen Grenzsicherungszauns. So wurde das Material gut verwendet.

Auch sonst war man recht praktisch veranlagt. Nach der Wende bediente man sich bei den Grenzsicherungszäumen. Daraus machte man dann Landsicherungszäune. Material, das für eine Grenze gut ist, eignet sich auch bestens, um eine Wiese oder einen Gemüsegarten einzuzäunen. Man muss eben nur praktisch denken.

Es hält sich übrigens hartnäckig das Gerücht, dass der Grenzsicherungszaun in dieser hervorragenden Qualität nicht in der DDR hergestellt wurde, sondern in Westdeutschland und von der DDR über eine Vertriebsfirma in Schweden eingekauft wurde. Ich weiß nicht, ob dies der Wahrheit entspricht.

 

In Gompertshausen machte man nach der Wiedervereinigung Kassensturz: Der Ort hatte unter seiner Abgeschiedenheit, der Randlage und der Tatsache Grenzort zu sein stark gelitten. Zu DDR-Zeiten war nur notdürftigst renoviert worden. Bilder aus der damaligen Zeit zeigen ein Dorf, vermutlich im hintersten Ural.

„Der Zustand der Infrastruktur war verheerend. Die Straßen, Wege und Plätze waren ausgesprochen sanierungsbedürftig.“ erzählte mir ein Mann im Ort. „Viele Gebäude, besonders die, die der Gemeinde gehörten, waren fast einsturzgefährdet. Da hatte man jahrelang nichts daran gemacht. Ich weiß nicht warum. Aber es hat sich einfach niemand dafür interessiert.“ Nach der Wende erreichte auch Gompertshausen der Segen des Solidarzuschlags und man konnte renovieren. „Wir haben die Gemeindehäuser auf Vordermann gebracht und erweitert. Darüber hinaus erstellten wir ein Gestaltungskonzept für den Ortskern. So entstand die Kulturscheune Dreiseithof und wir haben das Grenzmuseum ausgebaut – das musste sein.“ Natürlich sind sie dankbar, dass der einstige Feind so großzügig Gelder bereit gestellt hat. Und sie wissen auch, dass das im Westen nicht überall gut geheißen wird. Sie, die Bürger von Gompertshausen haben aber den Ehrgeiz, mit dem Geld gut zu wirtschaften und ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Dazu gehört auch die Mahnung, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Und deshalb pflegen sie hier den Wachturm und die kleine Zaunanlage, die sie gerettet haben. „Aber es interessieren sich nicht mehr viele Menschen dafür. Wir natürlich auch nicht wirklich. Die Zeit der DDR liegt schon weit zurück.“ fügte er noch hinzu.

 

Sie hatten in Gomperthausen eine alte Kaserne, die dann zu einem Asylbewerberheim umgewidmet wurde. „Das hat natürlich nicht bei allen Freude ausgelöst. Aber wir haben eine Verpflichtung unserem Staat zu dienen.“ Irgendwie eine gute Antwort, dachte ich und überlegte mir, wie ich wohl unserem Staat diene. Naja, ich zahle widerwärtig meine Steuern. Sonst wüsste ich nicht, wie ich diene.

Dabei wäre es manchmal schon richtig, aktiv mitzuhelfen, denn der Staat sichert gerade in dieser Region eine Vielzahl von Arbeitsplätzen und außerdem zahlt er noch Hartz IV und Renten, auch für viele, die nie in eine Rentenversicherung einbezahlt haben.

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