Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

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15. Von Irmelshausen nach Behrungen, Teil 1

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Rappershausen (West) und Behrungen (Ost): Dazwischen ein Freilandmuseum Grenze

 

Zwischen Rappershausen (West) und Behrungen (Ost) verläuft nur eine enge, unscheinbare Straße. An dieser Straße befindet sich das Freilandmuseum „Grenze“. (Der Name ist nicht gerade fantasievoll.) Das Museum (Wachturm, Grenzzaun, Grenzpfosten, Bunker, Panzersperren) befindet sich mitten im weiten, freien Land.

 

Voller Verwunderung nehme ich wahr, dass sogar ein Bus auf der Wiese parkt. Ich hätte nie vermutet, hier Menschen zu begegnen. Es ist eine italienische Schülergruppe. Sie lauschen gebannt den Schilderungen ihres Führers.

Ich lausche auch. Der Führer berichtet nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart. Eine Passage seines Vortrags ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben.

„Wir haben nun zwar die Grenze überwunden, aber bis vor kurzem dachte ich, wir sind uns immer noch fremd geblieben. Ich habe den Eindruck das ändert sich. Ein gutes Indiz sind die Bundestagswahlen. Ich sage Ihnen nur wenige Zahlen. Im Wahlkreis Suhl, das ist hier die ostdeutsche Seite sind 2009 63 % der Bürger zur Wahl gegangen, 2013 waren es 66,7 %. Im Wahlkreis Bad Kissingen, das ist hier die westdeutsche Seite sind 2009 73,8 % der Bürger zur Wahl gegangen, 2013 71,4 %. Das ist bezeichnend, weil die Ostdeutschen einmal – nicht, niemals vergessen – für freie Wahlen auf die Straße gegangen sind, sogar ihr Leben riskiert haben. Es war einer ihrer wichtigsten Wünsche, ihre Sehnsucht, frei und demokratisch wählen zu dürfen. Und an der ersten Wahl haben ja auch mehr als 90% der ostdeutschen Bürger teilgenommen. So haben sich die Zeiten geändert. Und so ändern sich die Zeiten vielleicht auch wieder. Die Wahlbeteiligung ist gestiegen. Und weiter: Im Wahlkreis Suhl wurde 2009 die Linke mit 31,7% die stärkste Partei, gefolgt von der CDU mit 29,7%. 2013 war die CDU mit 39,7 % der Sieger, die Linke reduzierte sich auf 25 %. Wie war das im Wahlkreis Bad Kissingen? 2009 wurde die CSU mit 47,3% stärkste Partei, die Linke kam gerade mal auf 8,6%. Und 2013? Die CSU stieg auf 53,9 , die Linken fielen auf 4,5 %. Die Ostdeutschen wählten weniger Linke. In der Linken haben gerade die Kräfte das Sagen, die einst auch in der DDR die Macht hatten. Keine Interpretation. Ich schöpfe etwas Hoffnung. Was brauchen die Menschen auf der Ostseite der Grenze? Vielleicht haben die Menschen Sehnsucht nach alten Zeiten, an die sie sich gar nicht mehr, nur noch in Ausschnitten, in einzelnen Gedankenfetzen erinnern? Ich glaube sie brauchen jemanden, der sich um sie kümmert.“ Er hielt inne, schüttelte den Kopf, als wolle er Überlegungen vertreiben. „Aber Sie sollten sich Ihre eigenen Gedanken darüber machen. Ich bin schließlich kein Wahlforscher.“ Sagte er zu der Gruppe und ein Übersetzer gab seine Ausführungen an die italienischen Schüler weiter.

Ich lauschte seinen Worten noch nach. Als die Gruppe abzieht bleibe einzig ich da.

Diesen Ort muss man gezielt aufsuchen, Zufallsbesucher finden nicht hierher. Schade. Eindrucksvoll. Diese Szenerie wirkt so überaus friedlich. Der Krieg ist Kontrast, Zwitschernde Vögel und Panzersperre vor Zaun. Wind rauscht in den Bäumen und Wachturm mit Bunker. Ich werfe mich ins Gras und schließe die Augen. Ich meine die Stimmen der Soldaten zu hören. In der Ferne das blecherne Bellen eines Kübelwagens. Schüsse, gleich neben mir. Woher weiß man, wie Schüsse klingen. Ich habe noch nie in meinem Leben Schüsse gehört.

 

Das Freiluft-Grenzmuseum umfasst die komplette Grenzstaffelung der DDR. Der Grenzturm ist nicht ein einfacher Wachturm, sondern ein Führungsturm. Auf Wiesenwegen marschiert man zum Grenzsignal- und Sperrzaun. Ungefähr 30 Meter davon sind noch erhalten. Außerdem ein Grenzdurchlasstor. Hier an dieser Stelle ist der Aufbau der Grenzanlagen gut nachvollziehbar und insbesondere der Irrwitz des Ganzen bestens zu begreifen. Zu der engmaschig organisierten Staatsgrenze der DDR gehörten Kfz-Sperrgraben, Zaunanlage und Grenzmarkierungen sowie Erdbeobachtungsbunker.

Und dann erst beginnt reichlich unscheinbar die bayerische Landesgrenze. Fast schämt man sich, so mickrig sehen die bayerischen Grenzpfähle aus. Hätte man da nicht auch etwas Eindrucksvolleres aufstellen können?

Informationstafeln sowie eine weiß-blaue Wegsperre markieren den Grenzverlauf.

Ich denke jetzt mal ganz praktisch. Heute wissen wir, damals wussten es mit Sicherheit die Regierenden in der DDR:  Die Mauer und die Grenze konnte man sich eigentlich nicht leisten. Kostenmäßig schlug zu Buch, einmalig der Bau (Investitionskosten), periodisch abgegrenzt der ständige Ausbau und permanent die Unterhaltung der schwer bewachten Grenze. Allein die ungefähr 40.000 Männer der Grenztruppen waren letztendlich nichts anderes als unproduktive Arbeitskräfte. Als Zahlen stehen zur Verfügung: Von 1961 bis 1964 kostete der Aufbau und Betrieb der Grenze insgesamt 1,822 Milliarden Mark der DDR. (Da die DDR-Mark international nicht konvertierbar war, ist der Betrag nicht so richtig vergleichbar.) Die laufenden Kosten wurden insgesamt auf jährlich etwa 500 Millionen Mark geschätzt. Dazu kamen die Herren und Damen, die mit unfreundlichen Masken die Pässe kontrollierten und mit etwa 40 Millionen Mark jährlich zu Buche schlugen.

Ich denke, ich kann mir vorstellen, in welch unproduktive Abenteuer das Geld geflossen ist. Und ich verneine sofort, nein, man kann es sich nicht vorstellen.

Ich habe Berichte von Grenzsoldaten gelesen, die hier ihrer Pflicht nachgehen mussten. Zu 98% war diese nur langweilig. Zu 2% gefährlich. Manchmal können 2% Gefahr zu gefährlich sein, aber manchmal erdrücken einen auch die 98% Langeweile.

Ich schmücke den Grenzzaun mit einer Fastnachts-Maske, weil ich mir vorstelle, dass mit einer solchen Maske die Grenzer einst patrouillierten. Die Maske der Langeweile, die Maske der Anspannung, die Maske der Unsicherheit.

Abends saßen sie in ihren Kasernen, gebeutelt zwischen Misstrauen und Langeweile.

Ich versuche mir das vorzustellen. Ich kann es aber nicht. Ich war nie bei der Bundeswehr, habe also wenig Einfühlungsvermögen in alles Wehrpflichtige, Militärische.

Aber ich bin gelernter Kaufmann, ich kann mich zumindest darüber aufregen, wie man so das Geld hinauswerfen kann. Ideologien sind nie das Geld wert, das man aufwenden muss, um sie am Leben zu halten. Und das, was das Leben ausmacht, benötigt keine Finanzspritzen, weil die Menschen dafür sorgen, dass die Gedanken allgegenwärtig sind. So ist der Ruf nach Freiheit.

Nie verstummt.

Nie erloschen.

Und wird immer laut ertönen.

Leider nicht immer verstanden werden wollen.

 

Ich gebe es zu, mich bewegt der Ort, auch wenn ich jetzt schon viele Wachtürme gesehen habe.

Können diejenigen, die diese Grenze zu verantworten haben, ruhig schlafen oder treibt sie Unruhe herum? Warum suchen viele Menschen hier im Osten der Grenze ihre Hoffnung bei den alten Kadern, vertrauen ihren Versprechungen? Es gibt heute noch immer Nazis und es gibt heute noch immer SED-Anhänger.

Die Lebensmotivation der Grenzbewohner hat sich vermutlich geändert. War es bei der Wende vielleicht die Neugierde, die Sehnsucht nach der Freiheit, so ist es nun eher das Streben nach Besitz oder zumindest nach materieller Sicherheit, gepaart mit einem emotionalen Nihilismus. Das bilde ich mir ein.

Mir fällt eine biblische Historiengeschichte ein: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Die Israeliten wurden in Ägypten geknechtet, gedemütigt, drangsaliert bis ihnen die Freiheit so wertvoll wurde, dass sie aufbrachen und alles zurück ließen. Sie marschierten durch die Wüste, lange vierzig Jahre. In der staubigen Wüste wurden sie aber reumütig. Die Wüstenwanderung war beschwerlich, forderte viel Kraft, auch manche Eigeninitiative. Sie mussten sich selbst um ihr Überleben kümmern. Und da sehnten sie sich zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens. In Ägypten, so erinnerten sie sich, waren sie versorgt. Sie hatten zu essen und zu trinken. Ihr Leben lief in geordneten Bahnen ab. Sie wurden zwar geschlagen, sie mussten ihre Arbeitsnormen erfüllen, aber sie lebten nicht in den Ungewissheiten der Wüste.

Und Gott war enttäuscht über sein undankbares Volk.

 

Zu diesem Mahn-Museum gehört auch noch Berkach mit seinem Wachturm, ein simpler, einfacher nunmehr.

 

Da stehen noch viele Wachtürme herum. Dazu, dorthin kann man gut auf dem Kolonnenweg gehen – sogar fahren.

Aber Verbotsschilder.

Bei Schwickershausen ein Wachturm.

Bei Unterharles ein Wachturm.

Bei Henneberg ein Wachturm.

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