Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Hermannsfeld.13 (10)

15. Von Irmelshausen nach Behrungen, Teil 2

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Der müde Führer

 

In Schwickershausen traf ich den Führer der italienischen Schülergruppe wieder. Die Gruppe war gerade mit dem Bus wieder abgefahren und er saß etwas erschöpft auf einer Bank.

Ich fragte mich, ob ich mich dazu setzen dürfte. Ich erzählte ihm, dass ich ihn vorher beobachtet und auch ein bisschen zugehört hatte.

„Ich bin Rentner und mache diese Führungen mit viel Freude. Ich finde sie sind notwendig.“

„Kommen viele ausländische Gruppen?“

„Ja, ich habe sogar den Eindruck, dass sich mehr Ausländer für die Grenze interessieren als Deutsche. Ich habe in der Woche vier, fünf Führungen. Im Winter ist natürlich tote Hose.“

Er erzählt mir, dass er Westdeutscher ist. Alle seine Kollegen sind Westdeutsche. Er kenne keinen einzigen ostdeutschen Führer. „Vielleicht haben sie keine Lust über unsere gemeinsame Vergangenheit zu sprechen. Ich finde, aber, dass sie nicht in Vergessenheit geraten darf.“ Und da er im Redefluss ist hält er mir auch noch einen Vortrag.

„Ich kann mich noch gut erinnern. 1945 begann alles. Das habe ich zwar noch nicht mitbekommen, aber meine Eltern erzählten mir dies als Kind. Ich habe das schon verstanden. Ich war ja nicht doof. Die Russen ließen die ersten Grenzen bauen. Dort wo Straßen die Landesgrenzen kreuzten, wurden Sperren in Form von hölzernen Schlagbäumen errichtet. Im Herbst sprach man bereits von einer Sperrzone. Die Meldepflicht wurde eingeführt. Eigentlich durften sich ortsfremde Personen nur mit Genehmigung des Bürgermeisters und des russischen Kommandanten im Ort aufhalten. Aber das war noch leicht zu umgehen.

Dann wurde die Grenzpolizei gegründet. Sie bestand aus Deutschen, die für die Überwachung und Sicherung der Demarkationslinie sorgen sollten. Die arbeiteten effizienter als die Russen. War eben deutsche Gründlichkeit. Sie stellten einfache Stacheldrahthindernisse auf und errichteten die ersten Zäune. Im Dezember 1949 firmierte die Grenzpolizei um und nannte sich Deutsche Volkspolizei. Für oder gegen die Deutschen? Was bedeutet „deutsch“ im Namen und „Volk“? Bald wusste man es. Von nun an übernehmen die Deutschen die Verantwortung. Und das bedeutete nichts Gutes. In der Kuhtrift baute man eine Kaserne oder besser gesagt Baracken, um die Volkspolizisten unterzubringen.

Nun begann die Professionalisierung, den Deutschen sei Dank. Mit der Regierungsverordnung “Maßnahmen zur völligen Abriegelung der Demarkationslinie” vom Mai 1952 wurden ein 10 m-Kontrollstreifen, ein 500 m-Schutzstreifen und die 5 km-Sperrzone errichtet. Das war ein großes Vorhaben. Die Vopos investierten ihren ganzen Ehrgeiz. Im Kontrollstreifen wurde jedes Hindernis entfernt. Das galt für Bäume, für Mauern und für Häuser. In dieser Logik wurden die Menschen evakuiert. Es ging wohl nicht einmal gegen die Menschen, es war nur die Umsetzung eines Prinzips. Das System, einmal erfunden, entwickelte man immer weiter, es wurde perfektioniert. Mich hätte interessiert, was man an dieser Grenze noch hätte verbessern können, wenn nicht die Wende gekommen wäre.“

Ich sah ihn aufmerksam an. Ich hatte einmal über solch einen Blick in die Zukunft gelesen. Man arbeitete in der DDR an Vibrationsdetektoren, an Infrarotbestrahlung, an Videoüberwachung, an Reizgassprays, alles in allem begeisterte man sich in den Planungsbüros für eine High-Tec-Mauer.

Er beendete seinen Vortrag: „Aber das werde ich glücklicherweise nicht mehr erfahren.“

Ich sagte nichts dazu.

An der Grenze starben innerhalb von 28 Jahren ungefähr 1300 Menschen. Darauf war die DDR-Regierung stolz; jeder erfolgreiche Grenzdurchbruch war eine Schande für die Truppe.

 

Ich berichtete ihm, dass ich gelesen, dass mehr als die Hälfte der Ostdeutschen 25 Jahre nach dem Mauerfall die DDR überwiegend positiv beurteilen.

Kaum habe ich das gesagt, springt er auf. „Ich kenne diese Befragung, diese Ergebnisse. Sie sind fürchterlich. Sie sind unglaublich. Die Menschen sind einfach gut im Verdrängen.“

Er ist richtig erregt. Es dauert eine ganze Weile bis er sich wieder neben mich setzt. Dann kramt er in seinen Unterlagen herum und sucht nach einem Stück Papier. Endlich findet er es. Dann sagt er, nein, fast schreit er es heraus: „Angeblich sind 60% der Ostdeutschen mit dem politischen System in Deutschland unzufrieden. Nur 28% fühlen sich dem Staat verbunden. Nur 46% der Ostdeutschen freuen sich über die Einheit, lediglich 60% leben gerne in Deutschland. Nur 20% haben noch eine Zuversicht, dass es in Ostdeutschland eine positive Entwicklung gibt. Dabei wurde bereits so viel Geld in den Osten investiert. Es ist unglaublich.“

Ich muss ihn bremsen und daher unterbreche ich ihn. „Vorsicht mit all den Umfragen. Da werden nicht reflektierte Antworten auf ungenaue Fragen in Prozentsätze gegossen. Ich bin auch manchmal mit unserem politischen System nicht zufrieden, aber ich kenne keine besseren Alternativen. Ich müsste erst sehr darüber nachdenken, wenn ich beantworten müsste, ob ich mit dem Staat „verbunden“ bin. Ich kann verstehen, dass jemand sagt, er ist mit seiner Familie „verbunden“, aber doch bitteschön nicht mit dem Staat. Und selbst auf eine Frage, ob man gerne in Deutschland lebt müsste man die Begründung kennen. Vielleicht lebt der eine oder andere in Italien lieber, weil es dort sonniger ist.“ Und Berlusconi?

Er schaut mich an und gibt mir schließlich recht. Vielleicht müsste man einfach andere Fragen stellen. Vielleicht sollte man solche Schlagzeilen nicht der Boulevardpresse überlassen.

„Ich komme immer mehr zu der Meinung, dass wir uns noch intensiver mit dem Lebensmodell in der DDR beschäftigen müssen. Die Ostdeutschen vermissen ihre gesicherte, berufliche Perspektive, ihre soziale Geborgenheit. Aber sie wollen auch nicht auf ihre Freiheit, auf ihren Besitz, auf das Warenangebot verzichten. Aber gibt es überhaupt Kompromisse?“

Er stimmt mir zu, behauptet aber, man müsse im Leben Prioritäten setzen und nichts sei eben umsonst. „Es gibt eigentlich nur eine Frage, die man stellen kann und die man beantworten muss. Wie viel ist mir meine Freiheit wert? Wenn man nicht in der Freiheit lebt und sich nach ihr sehnt, kann die Freiheit sehr wertvoll sein, so dass man sogar das Risiko eines unerlaubten Grenzübergangs auf sich nimmt. Wenn man die Freiheit hat und mit ihr lebt wird sie selbstverständlich und verliert im Wert. Dann stellt man fest, dass die Mühsal des täglichen Lebens teuer ist gegenüber der gewohnten Freiheit.“

Er hat recht.

Werden Mäuse in der Gefangenschaft regelmäßig gut ernährt strahlen sie Glückshormone aus. Es mag Menschen in der DDR gegeben haben, die Glück ausstrahlen. Aber es gab eben auch viele, die im Unglück lebten, die niedergeschlagen waren.

Wie viel ist uns die Freiheit wert?

Wir wären gut beraten, wenn wir noch heute darüber nachdenken würden und jeder eine Antwort für sich finden könnte.

 

Zur Wende brachte die Satirezeitschrift Titanic ein Titelbild mit dem Aufmacher: „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“. Abgebildet war eine junge Frau mit kurzem Rothaar, angetan mit einer verwaschenen Jeansjacke und in der Hand eine geschälte Gurke. Schönheitsfehler: Die Gaby kam gar nicht aus der Zone, sondern aus Worms und hieß Dagmar. Gut, das kann vielleicht der Satire zugute gehalten werden. Aber kann das Glück in der BRD eine Banane sein?

 

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