Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

116.Sommersdorf.2.03

30 Von Hötensleben nach Helmstadt, Teil 4

| Keine Kommentare

Sommerschenburg und Sommersdorf

Wir fahren nicht direkt nach Helmstedt, weil ich ihn gebeten habe mitzukommen,  nach den Überresten der Grenze zu suchen. Er hat mir interessiert zugestimmt. Er hat hier ein langes Leben verbracht, aber die Such nach Grenz-Relikten ist für ihn eine neue Idee. Was ist geblieben? In Stein. Illusionen sind schon viele zerplatzt. Er ist der Fachmann für die Illusionen.

Wir fahren nach Reinsdorf und passieren die ehemalige innerdeutsche Grenze bei Hohnsleben. Es gibt nichts, was uns hier an die Grenze erinnert.

Dann kommen wir nach Sommersdorf, ein langgestrecktes Straßendorf.

Ich sage so beiläufig: „Hier riecht es wieder nach DDR.“

Mein Mitfahrer lacht: „Hier sieht es auch nach DDR aus. Die haben immer noch ihre alten Straßenschilder belassen. Ernst-Thälmann-Straße, Rosa Luxemburg Straße. Aber es gibt ab und zu eine Deutschlandflagge an den Häusern.“

Ich muss nun mal meine Gedanken ausdenken. Ich stelle fest, ich bin in einem Dorf, das ich irgendwo als freudlos empfinde. Die Häuser sind fantasielos und manche gerade notdürftig verputzt, aber die Farbe fehlt, andere Backsteinhäuser sind ungepflegt und auch die Fachwerk-Backsteinhäuser, die mir eigentlich sehr gut gefallen sind renovierungsbedürftig. Auch Müll und Abfall liegt überall herum. Ich möchte hier nicht wohnen. Eine Rosa-Luxemburg-Straße würde mich nicht so stark stören. Das könnte emanzipatorisches linkes Gedankengut sein, das ich verstehe. Man müsste einen Unrechtsstaat DDR ja nicht unbedingt einer Rosa Luxemburg anlasten.

„Was mich nach der Wende in den DDR Dörfern am meisten bewegt hat“, sagte er, „War die Tatsache, dass hier alles freudlos war. Es war keinerlei Schönheit in den Bauten, in den Gärten. Anscheinend hatten die Menschen nicht einmal mehr die Kraft Blumen zu pflanzen. Es schien als wenn man alle Schönheit wie eine Ablenkung verbannen wollte.“

Und so sieht es heute zumindest in diesem Dorf noch aus. Ich glaube, es hat sich in fünfundzwanzig Jahren nicht viel geändert.

„Die Einwohner von Sommersdorf haben es natürlich besonders schwer gehabt. Sie lebten hier schon immer vom Braunkohleabbau –das war natürlich keine lustvolle oder schöne Beschäftigung. Und nach dem Bau der Grenzanlagen ist die Situation für die Menschen noch viel schwerer geworden. Fast über die Hälfte der Einwohner verließen den Ort. Die Menschen waren intensiv mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt, dass sie den Sinn für die Schönheit verloren. Die Wende brachte für sie nicht viel Wende, denn der Arbeitsplatzabbau ging weiter. Die Kohlegruben waren im Vergleich zu denen im Westen vollkommen unrentabel und wurden ganz schnell geschlossen. Auch das örtliche Kraftwerk wurde dicht gemacht. Gut für die Umwelt, aber natürlich nicht gut für die Menschen, die dort beschäftigt waren.“

Mein Mitfahrer sagte mir, man solle nicht alles so negativ betrachten. Selbst die scheußlichsten Orte könnten wunderbare Überraschungen bieten, so wie zum Beispiel Sommersdorf. Leider lässt man die Überraschungen verkommen.

Wir stiegen aus und er zeigte mir im Ortsteil Sommerschenburg ein recht interessantes Schloss, wahrscheinlich von König Heinrich I. in der 1.Hälfte des 10. Jahrhunderts als Grenzfestung zum Schutz vor den Slawen errichtet, damals eine der schönsten Burgen des Sachsenlandes. Die letzten adeligen Besitzern, die Familie Gneisenau erbauten ein Schloss Ende des 19.Jahrhunderts im neugotischen Stil. Eine der ersten DDR-Amtshandlung war, dass die Grafen von Gneisenau enteignet wurden. Daraufhin setzte sich die Familie recht schnell ab. Das Schloss Sommerschenburg war dann Krankenhaus, Altersheim, Kulturhaus und Zentralschule für Sommersdorf und Sommerschenburg. Diese Nutzung hat dem Schloss das Leben garantiert. Viele andere Schlösser, auch in der Umgebung, wurden einfach und ohne viel Aufheben abgerissen.

Später ging das Schloss in Privatbesitz über, was der Besitzer mit seinem Schloss anfängt ist von außen zumindest nicht ersichtlich. Es wirkt verschlossen, verrammelt, das Hofinnere verriegelt ein Stacheldrahtverhau.

Ich stehe vor diesem Schloss eher sprachlos. Der Bau zerfällt, das kann man erkennen. Er wurde mit allen möglichen Verbotsschilden als baufällig und gefährlich gekennzeichnet, darum herum feiert das Unkraut Höchststände. Eigentlich wäre hier eine Illusion gefordert.

Mein Zauberer bekommt fast feuchte Augen als ich ihm dies sage. Ja, aus so einem Bau könnte man viel machen, Kultur, Zauberei, Visionäre könnten hier einziehen, Wirtschaftsseminare abhalten. Und warum machen wir das nicht? Niemand weiß, was der Eigentümer plant? Auch ein Zauberer kennt dann keinen Rat.

Kommentar verfassen

Pflichtfelder sind mit * markiert.