Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Weferlingenb.13. (11)

31 Von Helmstedt nach Diesdorf, Teil 3

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Pendelt man in dieser Mitte Deutschlands so fallen einem die Unterschiede von West und Ost durchaus noch auf. Früher war es einfach, da hat selbst einer mit verkümmerten Riechorgan Ost gerochen. Selbst im Sommer lag der Geruch von Braunkohle über dem Land, in den Orten und in den Städten. Im Winter war es häufig unerträglich. Dies gilt heute selbstverständlich nicht mehr, wenngleich ich manchmal denke, immer noch Braunkohle zu riechen. Aber ich will meiner Nase nicht zu viel Kompetenz zutrauen. Ich bin ein schlechter Riecher. Ost kann man noch immer sehen. Und ich bin dank Brille ein guter Seher. Es ist die Farbe, die den Unterschied geradezu herausfordert. Sind die West-Häuser zumindest sauber weiß oder bunt, so verharren viele ältere Ost-Häuser in grau oder dreckig-braun. Warum habt ihr nicht einen Eimer mit weißer Farbe genommen und die Fassade neu gestrichen?

Ich erinnere mich an eine Aussage der Senfbäuerin. Sie sagte, sie alle haben solange in dem Vormundsstaat DDR gelebt, dass ihre Eigeninitiative eingeschlafen ist. Sie haben nur das gemacht, was ihnen gesagt wurde. Niemand hat ihnen gesagt, sie sollen die Häuserwände weiß streichen. Niemand hat ihnen Farbe zugeteilt. Eigeninitiative war nicht gefragt.

„So bleibt das Haus eben grau. Wenn man vierzig Jahre entsprechend erzogen worden ist, warum soll man sich dann im 50. oder im 60. Jahr ändern? Für die Alten ist das Leben gelaufen, und die Jungen sind an eben dieses Leben gewohnt.“

Schönheit war lange Zeit verdächtig.

„So haben wir uns die Schönheit abgewöhnt. Wir, die Frauen putzten uns nicht heraus. Wir pflanzten keine Geranien an die Häuser. Die Männer strichen die Wände nicht. Unsere Künstler produzierten heroische Standbilder. Macht und Kraft war unser Schönheitsideal.“

„Aber jetzt sind doch schon so viele Jahre vergangen. Die Straßen wurden alle auf Vordermann gebracht, die Rathäuser und Feuerwehrhäuser renoviert. Warum nicht die Einfamilienhäuser?“

“Viele alte Menschen leben heute hier. Die Jungen sind schon lange fortgezogen. Und mit ihnen vielleicht auch die Schönheit – und das Geld. Die Alten haben weder die Nerven, noch die Kraft, noch das Geld, um Schönheit in ihr bescheidenes Heim zu bringen. Die DDR hat mindestens eine Generation verschlungen.“

Und doch hat sich etwas geändert. Ab und zu sind Farb-Terroristen in die Ortschaften eingezogen. Sie bemalten Häuser, Schuppen, Läden bunt – nicht einfarbig, sondern mit zwei, drei Farben. Jede Seite in einer anderen grellen Farbe, in einer anderen Knall-Farbe. Vielleicht sind das Wessis, die sich hier eingeschlichen haben.

 

Woher kommt die Lust auf Schönes, die Lust auf Schönheit? Auch wenn vielleicht jeder etwas anderes unter „schön“ verstehen mag. Sind wir uns über Hässlichkeit einig? Warum gab es in den sozialistischen Staaten keine Schönheit? Warum haben sich schöne Menschen verborgen? Die Senfbäuerin hat mir die Augen geöffnet. Finden Sie Plattenbau schön? Pfui, abstoßend. Aber der Erbauer könnte ihn als schön empfunden haben. Praktisch-schön. Die Partei legte dann die Schönheit fest. Dies „schön“ gilt dann für alle. Vielleicht hätte man sich daran gewöhnen können. Aber als die sozialistische Schönheit verfiel war keiner zuständig, trug keiner Verantwortung, besaß keiner Eigentum, gab es keinen Anreiz zu Engagement. Warum soll jemand sein Haus streichen, wenn es ihm nicht gehört? Warum soll er sich in der Mangelwirtschaft auf die Jagd nach Farbe begeben, dafür viel Zeit und Geld aufwenden, um ein Haus zu streichen, das ihm nicht gehört? Es gab keine Freiheit, individuell Schönes zu gestalten. Das fraß die Herzen auf. Schönheit mag eine Sehnsucht sein, die geweckt werden muss. Wir sollten in den Schulen das Fach Schönheit einführen.

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