Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Buchhorst.13 ( 6)

31 Von Helmstedt nach Diesdorf, Teil 6

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Ich beeile mich heute, haste durch das Land, finde es nicht interessant, mich irritiert die Weite der Landschaft. Dabei bin ich im westlichsten Teil der Altmark, ein wichtiges, bedeutendes Kulturland. Die Altmark gehört historisch eigentlich zu Brandenburg, ist heute aber der nördlichste Teil von Sachsen-Anhalt und hat einen durchaus stolzen Menschenschlag hervorgebracht. Sie behaupten sogar, dass sich hier die „Wiege Preußens“ befunden haben soll, was immer man darunter versteht. Vielleicht leiten sie es von einem Zitat Bismarcks ab. Und der müsste es natürlich wissen, denn der ist in der Altmark geboren.

„Von diesem flachen Lande hier, von der altmärkischen Heimat, die ja auch die meinige ist, ist die Kraft und der Anstoß zur Bildung des kurbrandenburgischen Staates und Preußens und schließlich zur Wiedergeburt des deutschen Reiches ausgegangen.“

 

Die Altmark gilt zwar (nach Bismarck) als eine der ältesten Kulturlandschaften Deutschlands, ist aber heute immer noch landwirtschaftlich geprägt, ein Tiefland mit Wäldern und Heide. Berge darf man keine erwarten. Die höchsten Erhebungen sind mit 160 Metern die Hellberge. Die Altmark ist dünn besiedelt, das ideale Gebiet für Reiter, die vor Staubfahnen über die Felder galoppieren oder für Mountainbiker, die in ihren Trikots bunte Flecken in der Landschaft hinterlassen. Die wahren Altmarker sind die Männer, die stumm und ausdauernd ihre Angelruten in die Gewässer halten und mit der Landschaft sozusagen verschmelzen. Ruhestörer sind höchstens die laut kreischenden Wildgänse, die aus Sibirien und Skandinavien kommen, um in der Altmark zu überwintern.

Am Auffälligsten sind die steinernen Zeuge des Mittelalters: mächtige Kirchen, die kleine Dörfer weithin überragend und dominierend.

 

Nettgau, Gladdenstedt, Hanum, Ostorte, einfache Orte, nicht weiter erwähnenswert. Dabei ist die Gegend schon seit langem besiedelt, uraltes Siedlungsland.

Die ältesten Siedlungsspuren datieren 4000 Jahre zurück. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1315. Die Kirche entstand bereits im 12. Jahrhundert, der Kirchturm wurde 1860 errichtet. Attraktiv wurde der Ort dadurch aber nicht. Während der DDR-Zeit war Hanum der Standort einer Kompanie der DDR-Grenztruppen. Vielleicht ist das ein Grund für die verbliebene Tristesse. An die innerdeutsche Grenze erinnert ein Gedenkstein im Ort.

 

Es liegt sicherlich allein an mir, ich bin nicht bester Stimmung. Die Dörfer wirken auf mich trist, die Menschen reichlich zugeknöpft. An den Lichtmasken hängen noch immer, schon längst überholte Wahlplakate der Linken. „Original sozial“, nichtssagende bis idiotische Aussagen. Dahinter verbirgt sich aber durchaus ein Gesprächsangebot. An wen können sich die Menschen hier wenden? Wer kümmert sich um sie? Die Linken?

Vielleicht sollte man den Ostdeutschen die Linken gönnen. Da gibt es sicherlich Kommunalpolitiker, die die Ärmel hochkrempeln und sich für die Menschen einsetzen. Ich verstehe auch, wenn sich Menschen ändern, wenn Menschen hinzulernen. Ich glaube auch, dass ein überzeugter Kommunist zum überzeugten Demokraten werden kann. Aber er müsste mit der alten Welt abschließen, einen breiten, dicken Strich darunter machen und sich von der alten Welt lösen. Einzelne haben dies wohl gemacht. Welche Art von Entschuldigung, welche Art von Wiedergutmachung ist angemessen? Wie kann man die Menschen trösten, versöhnen, denen man Kummer, Schmerzen und Nachteile zugefügt hat? Die Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Einfacher wäre es da schon, nichts zuzugeben und zu hoffen, dass nichts entdeckt wird, dass die weiße Weste nicht befleckt wird.

Konkret gefragt: Kann ein IM wieder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

Ich weiß es nicht, aber vielleicht treffe ich einmal einen IM, den ich fragen kann. Dies würde ich tun.

 

Auf mich wirken viele diese Ortschaften kleinbürgerlich. Das Haus ist viereckig, also praktisch. Das Haus hat in der Mitte die Tür, rechts und links noch ein Fenster. Die Fenster haben Vorhänge, Gardinen. Das Haus ist akkurat gestrichen, das Dach neu. Man hat in die Zukunft investiert. Ein gepflasterter Weg zur Haustüre ist gekehrt. Der kleine Vorgarten ist säuberlich eingezäunt. Vor der Haustüre noch eine weiß gestrichene Bank. Lediglich die Satellitenschüssel stört, die etwas unmotiviert aus der Fassade ragt. Aber Fernsehen weltweit muss sein. Wo sind die Gartenzwerge?

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