Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

122.Zicherie.02

31 Von Helmstedt nach Diesdorf, Teil 7

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Die Psychologen von Leipzig

 

Einschub: Ich war auf einem Psychologenkongress in Leipzig. Es ging um die Spätschäden der SED-Diktatur. Die Psychotherapeuten berichteten, dass es viele Menschen gibt, die eine psychotherapeutische Betreuung notwendig haben. Die Kinder, die von ihren Eltern auf der Flucht zurück gelassen wurden. Die Kinder, die von Staats wegen zwangsadoptiert wurden. Die Grenzsoldaten, die an ihrem Dienst verzweifelten. Die Heimkehrer aus der Sowjetunion, die sich nicht mehr orientieren können. Die Stasi-Opfer, deren Lebensängste geblieben sind. Die Frauen, die sexuelle Gewalt durch Soldaten erlitten haben. Die politisch Inhaftierten, die bis heute nicht vergessen können. Die Benachteiligten, denen eine schulische und berufliche Entwicklung verboten wurde.

Viele Menschen, so erklären die Redner auf dem Psychologenkongress leben in einer sprachlosen Stille. Es sei eine mentale Sprachlosigkeit, die ein Nichterkennen fördert. Anders ausgedrückt, es ist die Scham der Opfer.

Ein Redner berichtet von einer Klinik, in der Täter und Opfer gemeinsam behandelt werden und er berichtet von beeindruckenden Fortschritten. Großzügig, selbst den Tätern eine psychotherapeutische Behandlung zukommen zu lassen. Nicht großzügig, sagt der Redner, sondern notwendig – und gut für die Opfer.

Ein anderer Redner versucht die Persönlichkeit der Ostdeutschen zu charakterisieren. Was hat die SED-Herrschaft hinterlassen? Menschen in Passivität, Depressionen, Angst, Vorsicht, Lagerhaltung.

Achten Sie darauf, was sie sagen: Unsere Kanzlerin kommt aus Ostdeutschland!
Welche Schuld hat das System, und welche Versäumnisse sind dem Einzelnen anzukreiden? Vielfach sei das Persönlichkeitsbild der Ostdeutschern geprägt durch die Nichtverarbeitung der Naziherrschaft, durch das gesellschaftliche, sozialistische Weltbild, durch Denunziation, Unsicherheit und Unterdrückung, durch die erbarmungslose Unterwerfung unter die herrschende Macht. So wurden sie zu Untermenschen. Und nun wiederholt sich diese Erfahrung. Sie unterwerfen sich einem BRD-System. Auch ein besseres System verlangt die Unterwerfung. Und manche Menschen schaffen dies eben nicht.

Der Psychologen-Moderator betont, dass nur die Ostdeutschen eine Anpassungsleistung erbringen mussten. Daraus entsteht ein Gefühl der Ungleichheit. Und er behauptet, wären auch Werte der DDR übernommen worden, so wären mehr Ostdeutsche bereit, der Demokratie zu vertrauen und sich zu engagieren.

Protestieren zwecklos, selbst das Sandmännchen wurde nicht übernommen und fristet sein Dasein im MDR und der Rechtsabbiegerpfeil fand im Westen auch keinen Gefallen.

Der nächste Redner betonte, dass die DDR ein eingemauertes Land gewesen sei. Ich höre aufmerksam zu, die Mauer ist mein Thema. Äußerlich gab es die Mauer und „innerlich“ ein repressives Erziehungssystem, autoritäre Strukturen in der Gesellschaft, einen einschüchternden Sicherheitsapparat und ein Konditionierungssystem von Belohnung und Strafe. Ziel erreicht: Die SED hatte die Kontrolle über das gesamte gesellschaftliche Leben. Und die Staatssicherheit war das Schwert der Partei.

Und der Redner führte aus, dass erst nach langer Zeit, 20 Jahre 25 Jahre der Zugang zu der Traumatisierung möglich sei. Und zur Heilung sei ein gesellschaftlicher Diskurs über die historische Wahrheit des traumatischen Geschehens notwendig.

Und ein Satz hat mich ganz besonders erschreckt und gleichzeitig betroffen gemacht: Solange es keine kollektive Ehrfurcht vor der Geschichte gibt, kann die Barbarei sich jederzeit wiederholen.

Achtung, wie Sie darüber reden: Unsere Kanzlerin ist Ostdeutsche.

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