Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Dahrendorf.13 (10)

32 Von Diesdorf nach Salzwedel und nach Arendsee, Teil 1

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Mein Weg führt mich nach Luckau. Irgendwelche Straßen sind gesperrt, die Anfahrt ist reichlich abenteuerlich. Ich bin von Luckau begeistert, ein richtig schöner, alter Ort mit wunderbaren Bauern-Backstein-Fachwerk-Häuser. Darum herum ein fast geschlossener Ring einer historischen Stadtmauer. Leider nicht viel los.

Aber was soll hier los sein?

Im 12. Jahrhundert wurde Luckau planmäßig angelegt – Hauptstadt der Niederlausitz, wohlhabende Kaufmannsstadt. Ein historischer Stadtkern mit der mittelalterlichen Befestigungsanlage ist übrig geblieben und ein großzügiger Park. Das ist doch Wohn- und Lebensqualität.

Im Stadtkern eine barocke Häuserzeile und die imposante Kirche – St. Nikolas gewidmet.

Früher ein karger Ort: Im ehemaligen Dominikanerkloster taten Mönche einst Abbitte für ihre Sünden, von 1747 an taten es Häftlinge. Prominentester Insasse 1916-18 war Karl Liebknecht. Heute beherbergt es ein Museum, Themen: die Niederlausitz, und das Gefängnis-Wesen. Schließlich wurde an diesem Ort 250 Jahre Strafvollzug und Haftalltag gelebt. Der restaurierte Klostersaal ist Ort für Veranstaltungen. Im Areal der Klosteranlage ein Indoorspielplatz.

Wenn das nicht Leben ist. Einmal im Jahr gibt es eine Keller- und Kirchennacht. Da öffnen sich Luckaus schönste Hauskeller und laden zur Besichtigung ein. Gewölbe und Geschichte. Und der Nachtwächter führt durch den Ort.

 

Ich ermahne mich, ich bin auf der Suche nach der Grenze. Hier finde ich das Mittelalter, aber keine Grenze. Dabei ist die ehemalige Grenze gerade zwei Kilometer entfernt. Ich habe irgendwie den Eindruck, dass die Grenze hier gar nicht mehr zählt. Ich stehe an der Grenze und schreite an ihr entlang. Da finde ich einen Wachturm in recht abgeschiedener Natur. Er ist schon etwas verkommen. Nicht gepflegt. Warum soll man einen Wachturm pflegen? Auch der Kolonnenweg gibt noch Zeugnis ab. Das Gras wächst reichlich hoch in den Löchern der Betonplatten. Keine Militärfahrzeuge rollen über diese Platten.

Irgendwie habe ich ganz intensiv das Gefühl, dass sich hier niemand an die Teilung erinnern will. Hat man sie vielleicht sogar richtig überwunden?

In Seebenau riecht man wieder den Wind von Ost.

An einem Ort hat man die Erinnerung sozusagen institutionalisiert. Das Grenzlandmuseum Swinmark befindet sich in Göhr bei Schnega.

Aber wie es so sein soll. Es ist geschlossen. Geöffnet nur an Samstagen und Sonntagen von 13 bis 18.00 Uhr. Und heute ist eben nicht Samstag und auch nicht Sonntag.

Woher der eigenwillig klingende  Name »Swinmark« kommt, kann niemand mehr so recht sagen. Vielleicht weil die Schweine hier besonders gut gediehen sind oder dass sich der Name von Grenzmark ableitet und einfach die Abgrenzung zur benachbarten Altmark-Region beschreibt.

Nach der Wiedervereinigung 1989 waren die Menschen erleichtert, glücklich und beeilten sich, die äußeren Zeichen dieser Trennungslinie zu beseitigen; Grenzzäune und Sperranlagen wurden niedergerissen, zerstört, vernichtet. Aber einige Menschen wollten schon damals diesen wichtigen Teil der deutschen Geschichte nicht der Vergessenheit überlassen. So trugen sie Zeitzeugnisse zusammen, sammelten sie und stellten sie aus. So entstand auch das Swinmark-Grenzlandmuseum in Göhr.
Die gesammelten Fundsachen sind im ehemaligen Trecker- und Maschinengebäude aufgebaut.

 

Ich fahre über Wustrow nach Salzwedel. Dabei komme ich an einer Gedenkstelle für Hans Frank vorbei. „An dieser Stelle wurde am 17.01.1973 der DDR Bürger Hans Frank beim Fluchtversuch über die Grenze durch die Wirkung einer Selbstschussanlage getötet“, so heißt es lapidar. Und weiter: Insgesamt sterben mindestens 23 Menschen in der Region bei dem Versuch, die Grenze zu Lande oder zu Wasser zu überwinden.

Immer wieder habe ich gelesen, die Grenzer hätten aus Angst geschossen. Nirgendwo steht, dass sie aus Begeisterung, aus Überzeugung, aus Vaterlandsliebe geschossen haben. Angst. Angst, die Flucht nicht verhindert zu haben, Angst, Macht, Einfluss, Ansehen zu verlieren, eingesperrt zu werden, aus der SED-Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Angst macht den Täter auch gleichzeitig zum Opfer.

Ich habe vor Jahren einen Hund überfahren, der mir ins Auto lief. Ich konnte nicht mehr bremsen, der Hund lag dann am Straßenrand und zuckte. Ich bin weitergefahren. Obwohl ich unschuldig war hatte ich Angst, wobei ich nicht einmal weiß, wovor. Wie viel Angst muss jemand haben, der sich schuldig fühlt? Und wenn sich Angst und Schuld potenzieren, übermächtig werden?

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