Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Stresow.13 ( 9)

32 Von Diesdorf nach Salzwedel und nach Arendsee, Teil 9

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Und dann komme ich nach Stresow. Es gibt zwar noch ein Ortsschild, aber keinen Ort. Das Dorf Stresow wurde, weil es im sogenannten “Schutzstreifen” des Grenzgebietes der DDR lag, ab 1952 systematisch entvölkert und 1974 dem Erdboden gleichgemacht. Ein im Jahre 1997 aufgestellter Gedenkstein im ehemaligen Dorf Stresow erinnert an diese Zwangsmaßnahme.

Ich stehe jetzt an der Gedenkstätte „Wüstung Stresow“ und habe wieder dieses eigenartige Gefühl. Diese Mischung aus Unglauben, Entsetzen, Wut und Machtlosigkeit. Mich quält der Gedanken, mir vorzustellen, was die Menschen damals gefühlt, empfunden haben?

Hier hat man eine Gedenkstätte richtig sauber und quadratisch angelegt, wie das anscheinend nur Deutsche können. Idyllisch gleich daneben ein kleiner See. Eine Unterkunftshütte mit Tisch und Bänken, vorbereitet für das Picknick. Natürlich fehlen auch die Papierkörbe nicht. Sauber aufgerichtet sind hier fünf Zaunelemente. Senkrecht grüßt ein DDR-Grenzpfahl.

Einerseits eindrucksvoll, andererseits fast zu perfekt, zu steril. Ich kann in dieser sauberen Atmosphäre nicht der Bewohner der ehemals 16 Höfe gedenken, die hier gelebt und gearbeitet haben. Dieses Denkmal bietet mir kein Erinnerungsleben. Aber vermutlich ist dies sehr ungerecht.

Wüstungen sind leere Flächen. Falsch gedacht. Meistens sind es grashaltige, buschhaltige, baumhaltig Flächen, angeschmiegt ein Fluss oder ein See. Wenn Wüstungen schön, bunt, lieblich werden, verraten sie die Erinnerung. Eine Wüstung müsste aus Sand bestehen, aus Felsen, aus unfruchtbarem Land. Kein Wasser, kein grün, keine Vegetation. Ein paar verlorene Backsteine würden sich gut machen. Ein verrosteter Hammer, einige Nägel, krumm, gebraucht, gealtert von den Jahren. Wüstungen sind leere Flächen. Falsch gedacht. Aber ein Denkmal ist auch gut.

 

Ich versuche nachzuerzählen, was ich gelesen habe. Es wird unvollkommen sein.

Es geschah immer in der allerersten morgendlichen Frühe. Vier Uhr, fünf Uhr morgens war eine gute Zeit für die Häscher. Selbst die Bauern schliefen noch. So rollten die Lastwagen leise in das Dorf. Es sollte unbemerkt geschehen. Die SED-Schergen wollten ihr Tun so unauffällig wie möglich durchführen. Nur kein Aufsehen, kein Aufstand. Und auch die Zöllner auf der anderen Seite sollten nichts erfahren. Und sie wollten auch keine Fragen beantworten. Vielleicht konnten sie die Vorwürfe nicht ertragen, steckte in ihnen noch ein klein bisschen Anstand.

Wagentüren wurden geöffnet, Soldaten sprangen auf das Kopfsteinpflaster. Ohne zu klopfen, drangen sie in mehrere Häuser ein und überraschten die Schlafenden. Sie befahlen. Es gab kein Reden, kein Diskutieren, schon gar kein Bitten. Nur ein Befehlen. Weil man dann auch nichts erklären muss.

Sofort aufstehen! Anziehen! Taschen packen  nur Handgepäck, dann auf den Wagen.

Erlaubt ist nur Handgepäck:, ein wenig Wäsche, etwas zu essen.

Die Soldaten führten einen Befehl aus. Das ist gut, weil sich für die Ausführung eines solchen Befehls niemand verantworten muss. Sie sind nur verantwortlich für die reibungslose Durchführung des Befehls. Solange keine der Frauen hysterisch schreit und die Kinder zu müde sind, um zu weinen, klappt die Durchführung bestens. An diesem Tag war das Ziel der Operation das Dorf Stresow, 45 Kilometer nordwestlich von Magdeburg. Es war die Nacht zum 30. Mai 1952. Innerhalb einer Stunde wurde knapp die Hälfte der nicht mal 100 Einwohner aus dem Dorf getrieben.

Diejenigen die bleiben durften – zunächst – wurden in den folgenden Jahren umgesiedelt, meist in die umliegenden Dörfer der Altmark. Vier Familien flüchteten in den Westen.
Ich würde viel dafür geben, zu erfahren, wer diese erste Säuberungsaktion „Ungeziefer“ getauft hatte. Und ob derjenige jemals Reue empfunden hat.

In dieser Nacht waren in dieser Region nicht nur die Stresower allein betroffen. Insgesamt wurden in dieser Nacht 178 Frauen und Männer in einen Zug gekarrt und ins thüringische Kölleda gebracht.

Warum wurden die Bauern von Stresow ausgesiedelt?

Auf diese Frage gibt es keine Antwort. In vielen Berichten habe ich gelesen, dass für die meisten Menschen nicht die Aussiedlung an sich das größte Problem war, sondern, dass sie keine Begründung erfuhren. Warum gerade wir??

Sie dachten, sie seien gute Bürger des Staates. Sie wollten die DDR ja gar nicht verlassen. Sie wollten in Frieden leben.

Die offizielle Begründung war, dass alle „politisch unliebsame Personen, Staatenlose, Ausländer und Kriminelle“ ausgesiedelt werden sollten. So viel Kriminelle kann es hier in diesem weiten Land gar nicht gegeben haben. Es waren die Bauern, die Verwandte im Westen hatten, die sich nicht der LPG anschließen wollten, die schon mal ihre eigene Meinung geäußert hatten, die als Wirt, Bäcker, Lehrer zu den Meinungsmachern gehörten, von denen man hätte vermuten können, dass sie irgendwann Widerstand betreiben würden. Die meisten waren einfach denunziert worden.

Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt…

Sie mussten alles zurücklassen: Grundstücke, Häuser, Vieh. Die Zurückgebliebenen kümmerten sich um die Kühe und Schweine der Familien, die in der Nacht weggebracht worden waren. Bis erneut Unbekannte kamen, die Tiere wegprügelten und Häuser und Ställe abrissen.
Verantwortlich für die  „Aktion Ungeziefer“ war das Staatssicherheitsministerium der DDR. Die Kalkulation war ganz einfach. Die Gemeinde Stresow, wie so viele andere auch, sollte liquidiert werden, weil sie an der falschen Stelle lag: an der Grenze zwischen Ost und West, wenige hundert Meter von der Elbe entfernt, die nördlich von Stresow die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten darstellte.
Auch für die die, aus welchen Gründen bleiben durften, wurde das Leben nicht einfacher. Bis zur Abenddämmerung mussten alle auf dem Hof sein. Kamen sie später, war die Straße abgesperrt. Wenn jemand heiratete und fortzog,  benötigte derjenige fortan einen Passierschein, um die Eltern, die Angehörigen zu besuchen.

Viele verließen den Ort auch freiwillig, weil sie sich dem Druck nicht mehr aussetzen wollten, auch wenn es die Heimat war. Andere konnten sich nicht aufraffen und blieben bis zum bitteren Ende, bis sie doch noch vertrieben wurden.

Viele dieser Menschen werden diese Jahre, diese Schicksalsschläge niemals mehr vergessen. Dieses Schicksal ist ihr Leben. Sie sind davon geprägt. Werden auch die Täter nicht vergessen, was sie angerichtet haben?

Der letzte Tag des Dorfs Stresow war der 30. Juni 1974. Da rückten Schlepper an und rissen alle Häuser ein.

Es gibt nicht mehr viele Zeitzzeugen. Manchmal kommt noch der eine oder andere Greis hierher und denkt darüber nach.

Aber das sterile Denkmal wird dem damaligen Leben, den Qualen und den Ängsten nicht gerecht. Doch was kann dem schon gerecht werden?

Der See neben dem Gedenkplatz wirkt idyllisch. Sollte er aber gar nicht. Er war mehr aus Versehen entstanden. Um die Deiche entlang der Elbe hochwasserfest zu machen, waren mehrere Tausend Kubikmeter Sand nötig. So entstand dieses Sandloch, sauber gebaggert. Im Sommer baden darin Kinder. Sie kommen aus Ost und West. Von Stresow haben sie noch nie etwas gehört.

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