Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

152.Lenzen.14

34 Von Schnackenburg nach Lenzen, Teil 2

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Die Mitfahrgelegenheit

 

Ich bezahle und will gerade zum Auto gehen, da spricht mich die junge rothaarige Frau an. Ob ich sie mitnehmen könne – bis zum nächsten Bahnhof. Ihre Tour ist zu Ende, sie muss wieder zurück nach Lübeck. Ich fahre ja auch in diese Richtung. Aber nur, wenn sie keine Umstände mache. Meine Suche klang so interessant.

Um ehrlich zu sein, ich bin nicht sonderlich begeistert. Auf meiner Spurensuche bin ich gerne allein, da kann ich in Ruhe und ausgiebig suchen und muss keine Rücksichten nehmen. Andererseits, ich muss zugeben, dass ich geschmeichelt bin. Meine Spurensuche klingt interessant.

Also warum nicht.

Ich sage ihr, dass sie sich dann die eine oder andere Geschichte anhören müsse und dass ich auch ungewöhnliche Abstecher mache.

Sie lacht mich an und sagt das sei in Ordnung.

Und ich finde ihr Lachen sehr nett.

Wir sind per Du, weil sich seit gestern eben alle verbrüdert haben. Das finde ich nicht so gut. Sie könnte meine Tochter sein.

Wie auch immer. Sie ist einverstanden. So verstaue ich ihren Rücksack im Auto und wir fahren zur Fährstelle. Ich halte vorher noch beim Museum an.

Sie wundert sich. Ja, klar, habe ich mir gedacht.

„Ich muss im Museum noch etwas klären.“

Sie kommt mit. Ich habe sie nicht gebeten.

Ich treffe die Museumsfrau an.

„Kennen Sie den IM Robert Meyer?“ frage ich sie.

Sie sieht mich erstaunt an.

„Ja, sogar persönlich.“

„Können Sie mir die Geschichte erzählen?“

Sie ging so: In Schnackenburg wurde im Jahr 1991 ein Beamter des Zolls in Schnackenburg enttarnt. Er war über zehn Jahre von 1976 bis 1989 als Informeller Mitarbeiter, oder einfach als Spitzel für den MfS der DDR tätig. Über zehn Jahre hatte er unbemerkt von seinen Kollegen und seinen Mitbewohnern die Spitzeltätigkeit ausführen können. Er hatte gestanden, dass er bei einem Verwandtenbesuch in der DDR angeworben worden war. Er konnte aber nicht so richtig beantworten, warum er mit der Agententätigkeit überhaupt begonnen hatte. Wahrscheinlich ging es um Geld. Und was wollte die DDR von ihm? Sie wollte wissen, wie die BRD mit den Demonstranten in Gorleben umging, welche Aktivitäten der Zoll unternahm, wenn wieder einmal eine Flüchtlingsleiche angeschwemmt wurde. Das waren alles keine großen Geheimnisse, solche Informationen hätte man auch den Zeitungen entnehmen können? Warum einen IM anwerben? Wahrscheinlich ging es ums Prinzip. Jeder IM in Westdeutschland war ein Sargnagel für den Kapitalismus. Er wurde schließlich verurteilt und erhielt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Er musste seine Agentengelder zurückzahlen und Einbusen an seiner Pension hinnehmen.

Maria, die Rothaarige, hatte zugehört und nichts dazu gesagt.

Wir stiegen ins Auto ein und fuhren hinunter zur Fähre.

Die Zufahrtsstraße ist geziert mit einer wilden Vielfalt von Verkehrszeichen. Wohl gemerkt, man kann auf den 100 Metern nicht weiter fahren als zur Fähre. Vielleicht war hier mein Schilderfabrikant von Irmelshausen am Werk. Durchfahrt verboten! Fährbenutzer frei! Ankommende Fahrzeuge haben Vorfahrt! Keine Wendemöglichkeit! Schritt fahren!

Auf dem engen Weg muss man ohnehin im Schritt fahren. Kein weiteres Schild? Dem Schilderauftraggeber ist vielleicht die Fantasie ausgegangen. Wir fahren im Schritt, nehmen niemanden die Vorfahrt, weil uns keine anderen Fahrzeuge entgegen kommen. Die Fähre wartet schon. Wir sind das einzige Auto.

Ich empfinde es fast abenteuerlich, die Elbe zu überqueren. Der Fluss ist breit, hat Strömung, die Fähre muss Kraft aufwenden, um sich behaupten zu können. Der Fährmann trägt einen verschlissenen Pullover, obwohl es schon morgens reichlich warm ist. Er ist altgedient. Er sagt, er macht den Job seit der Wende.

Nein, viel Verkehr gibt es hier nicht. Meistens sind es Fahrradfahrer.

Auf der anderen Seite führt ein Betonweg in die Elbe hinein. Rechts und links stehen zwei mächtige Bäume. Dort landet die Fähre, legt ihren Ausleger auf den Beton und wir können von der Fähre herunterfahren.

Dahinter ist noch ein Damm. Dann weites Land. Grüne Ebene. Soweit man sehen kann.

Ein Baum, ein Stein, eine Schiffsschraube, ein Schild: „Den Grenzopfern der Elbe 1961-1989“. Ich habe schon bessere Mahnmale gesehen.

„Warum fotografierst Du dies?“

„Ich dokumentiere alle Funde, alle Reste der Grenzanlage. So auch dieses hier.“

„Das finde ich aber nicht so beeindruckend.“

„Ich stimme Dir zu. Aber trotzdem ist auch dieses Schild wichtig. Zumindest die Tatsache, dass es hier steht.“

Sie hat recht, es ist nicht beeindruckend. Auch nicht der Ort Lütkenwitsch. Ein paar Bauernhöfe, große rote Backsteinscheunen. Türe und Tore blau gestrichen. Ich finde Backsteinhäusern sieht man ihre Geschichte fast nicht an. Backsteinfassaden altern nicht. Sie berichten auch nicht von den Schicksalen des Lebens. Vielleicht doch, einige Fassaden müssen gestützt werden. Auf dem aufragenden Schornstein ein Storchenpaar. Auf der Wiese eine Pferdekoppel. In einem Bauerngarten frisst eine Ziege genüsslich. Bewohner sehen wir keine.

Ich erzähle Maria, dass dieses Lütkenwisch ausgelöscht werden sollte. Hier leben Menschen, die die Ruhe, die Einsamkeit lieben. Wenige Dächer nur erkennt man hinter dem Deich. Vorbeifahrende Schiffer haben keinen Blick für dieses Dorf. Und trotzdem leben hier Menschen und sind verwurzelt mit dieser Heimat. Dann entstand die Sperrzone. Und es ist die Grausamkeit dieser Bestimmung, dass die Anwohner nun in das Sperrzonen-Gefängnis, in die Eintönigkeit abtauchen müssen. Die Genossen wollten das Dorf ausradieren. Die ersten Bagger standen schon vor dem Dorf und rissen die leer stehenden Häuser ab. Die harten Ziegelmauern der Bauernhäuser, Stallungen und Scheunen widersetzten sich dem Ansinnen nach Kräften. Sie waren solide gebaut, setzten dem Angriff unerwarteten Widerstand entgegen. Da erfolgte ein gewisses Umdenken. Die Menschen wurden zwar ausgesiedelt, die Häuser übergab man der LPG. Die ließ  alles verkommen. Keine Zuständigkeit. Das Leben eines Dorfes ist natürlich auch nicht endlos. Niemand und schon gar keine Sachen, keine Gegenstände, keine Häuser können den Anspruch auf Ewigkeit für sich einfordern. So lag das Dorf im Koma. Das Koma ist der letzte Zustand vor der Ewigkeit des Todes. Und nur die Wende war imstande, das Koma zu unterbrechen.

Maria hatte mir aufmerksam zugehört.

„Das hat man dem Ort nicht angesehen.“ sagte sie.

Da konnte ich ihr nur zustimmen.

Die Straße verlässt die Elbe. Aber am Elbufer soll noch ein Wachturm stehen. Daher biege ich in einen Flurbereinigungsweg ein.

Maria weist daraufhin, dass die Zufahrt für Autos verboten ist. Sie hat recht, aber ich habe keine Lust, zu jedem Wachturm hin zulaufen. Das dauert mir zu lange. Ich brumme nur etwas. Und dann versperrt auch noch eine Schranke den Weg.

Ich halte an, überlege.

Sie sagt: „Dann laufen wir einfach noch ein Stück.“

Ich knurre, aber stimme ihr zu.

„Ich finde es schön in dieser wunderbaren Natur zu laufen. Das erfrischt so richtig. Das kuriert die Nerven und den Kopf.“ Ich erwidere zunächst nichts und denke mir, dass weder meinen Nerven noch meinem Kopf etwas fehlt, deshalb müsste ich hier gar nicht laufen. Dennoch: Wir laufen also durch das Wiesenflachland bis wir zu einem Wachturm kommen, der auf einem Damm steht.

Maria sagt, sie finde den Turm nicht schön.

Ich antworte vielleicht ein bisschen zu ruhig. „Ich finde den Turm auch nicht schön, ich finde ihn aber beeindruckend. Dieser Turm ist wie eine Angel in meinem Kopf. An diesem Turm entzündet sich meine Vorstellungskraft. Dort unten am Wasser erstreckten sich die Grenzzäune, der Kolonnenweg, die Sicherheitszone, ein weiterer Zaun und dann erst der Turm. Und dann musst du dir die Grenzer vorstellen in den Uniformen, bewaffnet. Ich finde diese Vorstellung noch immer sehr dramatisch.“

Sie lächelte mich nur an.

„Ich bin noch in der DDR geboren, aber so viel habe ich von der DDR auch nicht mehr erlebt. Ich war bei der Wende gerade fünf Jahre alt. Ich habe mich niemals für diese Wachtürme interessiert. Ich bin froh, dass dieser Teil unserer Geschichte vorbei ist.“

Ich sah sie an, vielleicht etwas konsterniert. Sie hatte recht und eben auch nicht. Das war oberflächlich gegenüber der Geschichte.

„Aber Maria, das war unser Leben.“

“Nein, es war das Leben meiner Eltern, es war vielleicht dein Leben. Es ist sicherlich nicht mein Leben. Warum soll ich mich damit beschäftigen?“

„Um sicherzustellen, dass es sich nie wiederholt.“

Ich sah sie eindringlich an. Sie sah hübsch aus, hatte ein recht nettes Gesicht, kurze rote Haare, die etwas abstanden. Sie trug eine rötliche kurzärmelige Bluse, die gut mit ihrem Haar harmonierte. Sie war jung und geschichtlich unschuldig.

Wir liefen zum Auto zurück. Ich bemerkte, dass ich etwas verärgert war.

Sie sagte, so schlecht sei die DDR auch nicht gewesen.

Sie sagt aber auch, sie empfinde sich nicht als Ostdeutsche, sondern als Deutsche und wenn man unbedingt differenzieren wolle, dann Norddeutsche, denn mit den Bayern habe sie es nicht so.

Ich gestand ihr, dass ich Franke bin.

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