Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

Lenzen.13 (70)

34 Von Schnackenburg nach Lenzen, Teil 5

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Der Wein von Mecklenburg-Vorpommern

 

Ich weiß nicht mehr, was ich gegessen habe, aber ich habe einen exzellenten Wein getrunken, angebaut in Strelitz, im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Ich hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass hier Wein angebaut wird. Und wie kommt der Wirt in einer Dorfkneipe zu so einem Wein?

Es ist richtig beleidigt als ich ihn dies frage.

„Wir sind hier nicht in der Provinz. In Mecklenburg-Vorpommern kann man noch bestens Wein anbauen.“ Die Gegend wird vom Kontinentalklima beeinflusst und ist geprägt von hoher Sonnenscheindauer. Angebaut werden unter anderem Sorten wie Regent, Blauer Portugieser, Spätburgunder oder auch Müller–Thurgau. Nach der Änderung der Weinbauverordnung darf der Wein als “Mecklenburger Landwein” vertrieben werden. Landwein ist dabei die Bezeichnung für die Qualitätsstufe eines gebietstypischen trockenen Tafelweins. Die Kelterung darf ausschließlich aus Trauben der Region erfolgen.

Ich habe einen Müller-Thurgau im Glas, und auch Maria ist begeistert.

 

Maria ist keine Weinkennerin und keine Weintrinkerin. Sie bevorzugt Bier. Sie erzählt mir, dass sie aus Klütz kommt. Ich muss eine Zeitlang nachdenken, aber dann fällt es mir ein. Klütz bei Boltenhagen. Irgendwo dort soll meine Reise enden.

„Ich bin in Wittenberge geboren. Aber gleich nach meiner Geburt sind wir nach Klütz gezogen. Mein Vater war dort Lehrer. Ich bin in die Schule gegangen. Seit einigen Jahren lebe ich in Lübeck. Ich habe es nicht mehr in Klütz ausgehalten. Es war mir zu eng, zu muffig.“

„Und du konntest reisen. Die DDR gab es nicht mehr.“

Sie fuhr auf. „Ich bin Deutsche. Ich habe nichts mit der DDR am Hut.“

Diese Aussage sensibilisiert mich. Ich denke auf dieser Fahrt tatsächlich im Ossi-Wessi-Schema. Ich gehe davon aus, dass die Wurzeln entweder rechts oder links eingegraben sind und die menschlichen Pflanzen entsprechend zuzuordnen sind. Aber sie war fünf Jahre alt als die DDR zusammenbrach. So kann man wohl nicht behaupten, dass sie in der DDR gelebt hat, nicht einmal, dass sie dort aufgewachsen ist. Sie identifiziert sich natürlich auch nicht, überhaupt nicht mit der DDR.

Ich frage Maria, welches Selbstverständnis sie hat.

„Also ich bin Deutsche, ich weiß nicht, ob ich mich Europäerin nennen kann. Ich bin jedenfalls Norddeutsche. Und mir gefällt es hier gut. In der Weite von Mecklenburg und Vorpommern fühle ich mich gut aufgehoben.

Meine Eltern kommen ursprünglich aus Sachsen. Mein Vater war Lehrer und wurde nach Wittenberge und dann nach Klütz zwangsversetzt. Die Partei wollte es so. Aber so genau kann ich das gar nicht beschreiben. Mein Vater hat uns verlassen als ich vier Jahre alt war. Er hat dann mit einer anderen Frau zusammengelebt. Das entspricht vielleicht einer gewissen Tradition der DDR. Man konnte sich, so wurde mir gesagt, leicht scheiden lassen, auseinander gehen, andere Beziehungen eingehen. Naja, das ist heute auch möglich. Man muss ja nicht gerade heiraten.

Sie erzählte, dass sie gerade eine Beziehung beendet habe. Deswegen sei sie auch auf Wanderschaft gegangen. Sie wollte sich finden.

„Ich habe keine Vergangenheit. Ich habe nie über meine Vergangenheit nachgedacht. Ich habe auch nie über die DDR nachgedacht. Sie interessiert mich nicht. Und nun kommt einer, der nach ihren Resten sucht. Das hat mich fasziniert.“

Danke für die Blumen, aber ich bin umgekehrt entsetzt, erstaunt über diese, wie ich meine, oberflächliche Denkweise. Oberflächlich? Ist es das? Nein, sie lebt vielleicht nur intensiv in der Gegenwart. Da ist ihr doch kein Vorwurf zu machen.

Sie reflektiert, ich nutze das, treibe sie fast an, frage nach.

„Entschuldige meine Neugierde.“

„Nein schon gut.“

„Wie war das mit Deinem Vater?“

„Er war Lehrer in Klütz. Da ist man durchaus Respektsperson. Er war in der Partei. Natürlich. Er war auch linientreu. Ist das negativ? Muss ich mich dafür schämen?“

„War Dein Vater bei der Stasi?“

„Ich weiß es nicht. Aber vermutlich schon. Als Lehrer mit allen möglichen Prädikaten.“

„Hast Du sonst noch Erinnerungen über das DDR-Leben?“

„Ich erinnere mich, was meine Mutter viel später erzählte, immer wieder einmal ein Brocken. Keine zusammen hängende Geschichte.“

„Und?“

„Du kannst einem ganz schön auf die Nerven gehen. Also: Mecklenburg-Vorpommern war schon immer ziemlich dünn besiedelt. Es gab viele Großbauern, sonst aber wenige Einheimische. Nach dem Krieg sind in diesem Landstrich viele Flüchtlinge hängen geblieben. Sie konnten und wollten nicht weiter fliehen. Da hat man eine erste Bodenreform erfunden und durchgeführt. Sie diente nicht nur dazu, irgendwelche Kriegsverbrecher und Großbauern zu enteignen, sondern war aus der Not heraus geboren. Die Flüchtlinge benötigten Land, das sie bebauen konnten. Es wurden die ersten LPGs gegründet. Sie gaben den Flüchtlingen Arbeit und Brot. Ich habe die LPGs immer positiv gesehen. Natürlich die Flüchtlinge waren Arbeiter und keine Bauern, hatten keinen bäuerlichen Sachverstand. Den mussten sie sich erst aneignen. Da die Altbauern die Eingliederung nicht unterstützten, wurden sie gezwungen, der LPG beizutreten, ihr Wissen einzubringen. Viele sahen das nicht ein. Sie stellten ihren Egoismus über alles. Sie verweigerten sich. Einige flohen in den Westen. Ist das nun gut, vorbildlich? In den ersten Nachkriegsjahren haben diese Altbauern profitiert. Die Städter kamen und brachten ihre Wertgegenstände zum Tausch gegen Schinken, gegen Brot, gegen Kartoffeln. Die Bauern lebten im Überfluss und sie sahnten richtig ab. Und viele schmuggelten ihre Waren auch in den Westen, kassierten DM und konnten sich in der DDR dafür so manches leisten. Die Welt ist ungerecht. Das dachten zunächst die Flüchtlinge. Das dachten später die Bauern.“

Ich genoss es, mich mit ihr zu unterhalten. Sie war wirklich nicht so oberflächlich, wie ich das vermutet hatte. Ich habe keine gute Menschenkenntnis.

Wir tranken noch eine Flasche Wein. Dieser Müller-Thurgau hatte es in sich.

Maria war leicht beschwipst. Sie sah nunmehr nicht mehr jugendlich frisch aus, sondern beschwipst. Sie sah wie Zukunft aus. Sie hatte mir die Vergangenheit ausgetrieben. Da spielte plötzlich die Grenze keine Rolle mehr. Diese Grenze war vergessen. Und ich bin zu der Auffassung gelangt, dass dies auch gut ist – solange niemand niemals irgendwann einmal wieder auf die Idee kommen sollte, erneut eine Grenze zu errichten.

Das Vergessen ist wohl legitim. Aber das Ermahnen bleibt bestehen.

 

Ich musste Maria auf unserem kurzen Nachhauseweg zum Schloss in den Arm nehmen. Ich tat es nicht ungern. Wer hält nicht gerne die Zukunft im Arm?

Da sie auch nicht mehr richtig die Türe aufsperren konnte, half ich ihr und brachte sie in ihr Zimmer. Ich setzte sie auf einen Stuhl. Sie strich ihr rotes Haar aus der Stirn und fragte lallend, ob ich bleiben könne. Aber ich entfernte mich still und heimlich. Ich nehme an, dass sie zu Recht kam.

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