Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

150.Rütrerberg.03

35 Von Lenzen nach Rüterberg, Teil 1

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Ich bin fasziniert, welche Mengen Maria zum Frühstück vertilgen kann. Es sind zwei Eier, drei Brötchen, bestimmt 100 Gramm Wurst, etwas weniger Käse und dann noch ein Stück Sülze, das auch mir bestens geschmeckt hat. Wir tafeln in einem vornehmen Speisezimmer des Schlosses. Das Buffet ist in der Eingangshalle aufgebaut. Wir sind die einzigen Gäste. Aber das Hotel war doch ausgebucht? Vielleicht sind wir aber nur zu spät oder zu früh dran.

Die Sonne lacht. Es herrscht das beste Wetter, das man sich denken kann. Wir genießen den schönen Blick hinaus in den verwunschenen Barockgarten. Diesen Blick kann man gut genießen, wenn man am Frühstückstisch sitzt und den Blick oberhalb des Eis im Eierbecher durch das Fenster wandern lässt. Er bleibt dann inmitten des Parkgrüns auf einem kleinen Teich hängen. Der Garten ist mit viel Liebe gestaltet.

Ich muss gestehen, dass mein Blick auch Maria gilt, genieße den erfreulichen Anblick. Maria ist eine nette junge Frau, aufgeweckt, sympathisch. Sie interessiert mich mehr studienhalber, bilde ich mir zumindest ein. Sie ist die neue Generation unseres Landes, sie wird die Vergangenheit bewahren und die Zukunft gestalten.

In der Herberge in Schnackenburg ist sie mir gar nicht aufgefallen, was aber ausschließlich an mir liegt. Ich weiß, ich bin nicht sehr aufmerksam, oder nur selektiv aufmerksam. Ich habe mich um die Grenze gekümmert, bisher – ich laufe manchmal mit Scheuklappen durch die Gegend.

Nun sitzt mir Maria gegenüber am Frühstückstisch. Ich finde Maria attraktiv. Ihre roten Haare müssen jedem auffallen. Rot, die Farbe verführt natürlich zu Gedankensprüngen: Kommunisten, PDS, Ossis… Ich habe da sicherlich meine, ganz naiven Vorurteile. Maria steht aber für nichts von allem. Ja, aber doch, sie ist Ossi. Sie sieht sich eher als Norddeutsche. Aber besser lässt sie sich einfach als jung beschreiben, keine weiteren Kategorien. Vermutlich kann sie mit dem Ossi-Scheiß wirklich nicht viel anfangen.

Sie trägt ein weißes T-Shirt ohne irgendwelche Aufdrucke, also sozusagen vollkommen weiß. Ich stelle natürlich fest, dass sie keine BH unter diesem vollkommen weißen T-Shirt trägt. Das müsste nicht sein. Aber ich würde mich verleugnen, wenn ich behaupten würde, dass es mich stört.

Diese Tatsache zieht meine Blicke sogar mehr an, als ich eigentlich möchte. Ich sehe sie so häufig wie möglich, wenn ich kann, verstohlen an. Eben doch Voyeur. Ich sage mir, dass ich nur den Anblick genieße, diese reizvolle Kombination: rotes Haar, weißes T-Shirt, darunter die Konturen des Körpers. Diese erschließen sich mir mehr als ich das je geglaubt hätte.

Sie erzählt mir beim Frühstück, dass sie in Lübeck in einer Apotheke als Apothekenassistentin arbeitet. Was das sei?

Sie gehöre zum pharmazeutischen Personal einer Apotheke. Ja, sie hat sogar ein zweijähriges Studium an der Ingenieurschule für Pharmazie in Leipzig absolviert. Und sie hat eine Ausbildung als Apothekenfacharbeiter.

Dabei sah es mit der Schulausbildung zunächst gar nicht so rosig aus. Das lag am Elternhaus. Der Vater hat die Familie für sie sehr frühzeitig verlassen. Er ist jetzt irgendein Funktionär in der Linkspartei. PDS. Das passt zu ihm, meint Maria. Er war schon immer vom kommunistischen Sozialismus überzeugt. Er hat seine Familie wegen einer anderen Frau sitzen lassen, die viel jünger ist. Sie betont, dass sie ihm keine Vorwürfe macht und fügt dann hinzu, dass sie ihm natürlich große Vorwürfe macht. Diese Trennung wurde zu ihrem Schicksal, daher musste sie ihre Jugend in Klütz verbringen. Sie sagte das voller Abscheu. Nach der Scheidung verfügte die Mutter nur noch über wenig Geld. Die Mutter war der Meinung, dass sie Klütz nicht verlassen könne. Mit Sozialhilfe und später Hartz IV kann man sich keine großen Sprünge leisten.

Maria sah das anders, sie verließ dieses Klütz, weil sie kein Geld hatte und versuchte ihr Leben zu meistern, jobben, lernen, immer wieder, und sparen. Sie ist stolz auf das, was sie sich erschaffen hat. Maria sagt, sie ist immer noch dabei, ihr Leben zu meistern. Maria beteuert, dass sie mit Sicherheit ihr Leben auch in der Zukunft meistern wird.

Sie ist jetzt studierte Hilfskraft in einer Apotheke. Sie hätte auch Apothekerin werden können. Aber das Schicksal wollte es nicht.

„Ich bin Ossi und Nossi gleichermaßen. Das ist eine Gattung Mensch, die sehr widerstandfähig ist.“

„Was sind Nossis?“

Na, Norddeutsche.

Wir machen noch einen Spaziergang durch den Park. Er ist sehr schön. Man sollte Zeit haben, den Park zu genießen. Eigentlich hätten wir die Zeit. Nein, haben wir nicht. Wir müssen uns aufmachen, auf die Suche.

Ich schlage bewusst den Weg rechts der Elbe ein. Denn nur auf altem DDR-Staatsgebiet kann ich Überreste der Grenze finden, wenn überhaupt. Aber ich finde keine. Man hat die Reste aufgeräumt.

In Mödlich frage ich einen Bauern, was denn aus den Kolonnenwegen geworden ist. Er bestand schließlich aus den massiven Betonschwellen, die man gar nicht so einfach hat ausgraben können. Und warum auch.

Aber der Bauer gibt mir eine durchaus einfache und logische Antwort.

Die Betonschwellen wurden alle ausgegraben und zur Deichbefestigung verwendet. „Die Dinger waren ideal. Wir könnten auch die aus Thüringen noch gut gebrauchen. So werden die Dämme fester. Und die Wege hinter den Dämmen kann man aus Asphalt viel besser gestalten.“

Ich fand dieses Vorgehen sehr überlegt und zielorientiert, aber vielleicht auf Kosten der Vergangenheit.

Wer entscheidet eigentlich darüber, was mit diesen Betonschwellen geschieht?

Hier gibt es viele Bürgermeister, die der Linken angehören. Sie sind dafür verantwortlich, dass der Kolonnenweg verschwunden ist.

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