Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

154.Rüterberg.12

35 Von Lenzen nach Rüterberg, Teil 3

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Wolf Biermann und Heinz Brandt

 

Ich bin durchaus vorbereitet auf diese Such-Fahrt gegangen. Deshalb habe ich jetzt in meinen Unterlagen auch das Gorleben-Lied von Wolf Biermann ausgegraben.

Maria behauptet, sie habe von Wolf Biermann noch nicht gehört.

Für mich ist er eine Legende.

Ich lese ihr daher das Lied einfach vor:

 

„Auf! Chauvies und Emanzen

Kommt mit uns paar Bäume pflanzen

Und dann einen trinken! tanzen!

Das wollen wir.

Du, komm! Wir pflanzen grade

Eine grüne Barrikade

Gegen diesen atomaren Wahnsinn hier.

Glaubt nur ja nicht, dass wir zittern

Kindlich vor Naturgewalten!

Glaubt ihr wirklich, dass wir zittern

So vor dem Atomkraft.-Spalten?

Nein! Vor Euch und Euresgleichen,

Vor den Mächtigen und Reichen,

Vor den Bossen, die nur messen

Alles nach Profit-Interessen,

Nein, vor euch müssen wir zittern!

Ihr! Ihr seid uns nicht geheuer!

Ihr! Euch können wir nicht traun!

Ihr könnt mit dem Sonnenfeuer

Nichts als Scheiße baun.“

 

Naja. Schweigen. Nachklang.

 

Wolf Biermann ist als Ost-West-Grenzgänger bekannt. Auch wenn Maria ihn nicht kennt. Natürlich kann man fragen, worauf man vermutlich nicht antworten kann, was er eigentlich bewirkt hat. Stellt sich penetrant die Folgefrage, was kann überhaupt gegen die Macht der Bürokratie bewirkt werden? Was bitte kann ich gegen das Finanzamt unternehmen? Widerspruch einlegen. Bezahlen muss ich trotzdem.

Geben wir uns doch einfach geschlagen.

Es gibt manchmal Menschen, die sich nicht geschlagen geben. Einem solchen hat Biermann dieses Lied gewidmet: Heinz Brandt.

„Maria, kennst Du Heinz Brandt?“

Sie sagt nein.

Die Frage war unfair, denn ich bin derjenige, der vorbereitet ist. Aber, um ehrlich zu sein, ich kannte ihn auch nicht. Aber ich habe irgendwann bemerkt, dass dies ein Fehler ist.

 

Wenn ich über ihn berichte, dann denke ich gleichzeitig, wie unscheinbar, unbedeutend, ja langweilig, aber doch auch gleichzeitig behütet mein eigenes Leben ist. Maria, wie siehst Du Dein Leben?

Heinz Brandt wurde 1909 in Posen geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie. 1931 trat er überzeugt der KPD bei und befand sich sehr schnell in der internen Opposition. Er gehörte einer Gruppe an, die sich „Versöhnler“ nannte. Das sollte bald  verdächtig sein. 1933 nach der Machtübernahme durch die NSDAP fühlte er sich herausgefordert noch mehr zu opponieren. Er avancierte zum Mitherausgeber einer illegalen kommunistischen Betriebszeitung. Das war viel Opposition, viel zu viel. Solches ist in Diktaturen bekanntlich strafbar, das Gegenwort wird mit Zuchthaus bestraft. In der Nazizeit stand das Urteil fest: KZ-Zeit: 1940 ging’s in das KZ Sachsenhausen. Von dort 1942 ins KZ Auschwitz. Auch in seiner KZ-Zeit gab er nicht klein bei. Er beteiligte sich an der Dokumentierung der grausamen Vernichtung der KZ-Gefangenen. Das Material wurde irgendwie aus dem Lager herausgeschmuggelt und gelangte schließlich sogar in die Hände der Alliierten. Für Heinz Brandt folgte 1945 noch das KZ Buchenwald. Dort wurde er schließlich befreit.

Nach Kriegsende ging er nach Berlin, erneuerte seine Mitgliedschaft in der KPD. Er bekam einen Job bei der Stadtverwaltung und wurde später sogar Abteilungsleiter für Pressearbeit bei der KPD in Berlin. Bald fand er sich schon wieder in einer Oppositionsrolle. Während des Streiks am 16. Juni 1953 setzte er sich für die Arbeiter ein. Seiner Vermittlung ist sogar die Reduzierung der hohen Arbeitsnormen zu verdanken. Und während des nachfolgenden Aufstands versuchte er, die SED zu einer neuen Realpolitik umzustimmen. Dieser „Neue Kurs der SED“ setzte sich nicht durch. Die Betonköpfe um Walter Ulbricht gewannen den Machtkampf. Heinz Brandt wurde so nach und nach aus den wichtigen Posten entfernt und damit entmachtet.

Hinzu kam noch eine sehr persönliche Hypothek. Er reiste nach Moskau, um das Schicksal seiner Geschwister zu erkunden. Dabei erfuhr er, dass sein Bruder den Säuberungen Stalins zum Opfer gefallen, seine Schwester nach Sibirien verbannt worden war.

Freunde konnten ihn gerade noch rechtzeitig vor einer Verhaftung warnen und er floh im September 1958 in die Bundesrepublik.

Eigentlich hätte er nun einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben ziehen können. Aber das wirklich dramatische Geschehen begann erst. Die Stasi vergibt nicht. Am 16. Juni 1961 wurde er in die DDR entführt, 1962 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine weltweite Kampagne von Organisationen und engagierten Menschen bewirkten 1964 seine Freilassung und Rückkehr in die Bundesrepublik.

Nun Schlussstrich? Brandt bleibt seiner Überzeugung treu. Er stritt für einen humanen Sozialismus. Ich überlege mir, ob ich ihm an dieser Stelle seines Lebens eine gewisse Realitätsferne vorwerfen will. Hat er nicht hinzugelernt? Anders: Er blieb nur seinen Ansichten treu: Eine moralische Linke sei gut für das Land. Sie müsse überall gegen Unterdrückung und Entrechtung eintreten. Er machte unverzagt weiter: Zusammen mit Rudi Dutschke beteiligte er sich an dem langwierigen Gründungsprozess der Grünen. Damals war er getrieben von dem Willen, eine ökologische Katastrophe zu verhindern. Nachdem seine Vorstellungen jedoch nicht umgesetzt wurden, trat er 1980 bei den Grünen wieder aus. Er verstand sich als unabhängiger Marxist, der nunmehr die Linke kritisierte und insbesondere auch die Sowjetunion.

Und jetzt behaupte ich, er ist gescheitert. Vielleicht war er zu wenig Realist, zu viel oppositioneller Träumer. Dennoch glaube ich, dass er das Zeug vom Vorbild hatte. Und andererseits: Sind Träumer nicht überflüssig?

Drüben, jenseits der Elbe liegt Gorleben. Das war der Auslöser meiner Gedankenreise. Ich zog nun auch meine Strümpfe aus, hielt meine Füße in das Elbwasser. Die Unterschiede sind gravierend. Ich halte meine Füße irgendwie für normal. Da gibt es nichts zu beschreiben. Über ihre Füße könnte ich allerdings durchaus schreiben…

Sie hatte still zugehört als ich ihr die Geschichte von Heinz Brandt erzählte, keinen Kommentar abgegeben. Was sie jetzt wohl denkt?

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