Der Grenzgänger

Von der Todeszone zum Lebensraum – - – - – - – - Eine innerdeutsche Spurensuche – - – - – - – - – - -

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35 Von Lenzen nach Rüterberg, Teil 4

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Der nächste Ort ist Dömitz. Die Fahrstrecke dorthin ist kurvenreich und voller Alleebäume. Gut so. Die Straße ist gut bewacht von Verkehrsschildern. An jeder Kurve ein anderes Geschwindigkeitsschild. Was macht das für einen Sinn, warum muss man vorschreiben, ob man eine Kurve mit 60 oder 70 Stundenkilometer befahren darf? Was bewegt eine Behörde dazu, so viele Vorschriften zu machen? Und da blitzt es auch schon. Ich bin nicht schnell gefahren, aber eben nicht ordnungsgemäß. Maria sagt, der Staat habe immer Recht. Ich finde den Wahn der Ordnungshüter idiotisch, die glauben, sie müssten ihre Mitmenschen bevormunden, um in der einen Kurve 60 und in der anderen 70 Stundenkilometer zu fahren. Und dann bestrafen. Und dann erziehen.

Maria sagt, dass Gesetze da sind, um eingehalten zu werden.

Ich denke nach. Ist das wirklich so? Wann habe ich ein Recht auf Widerstand? Muss ich wirklich mit 60 Stundenkilometer in die Kurve fahren, wenn da ein Schild mit 60 steht?

 

Dömitz hat eine nette Altstadt mit zahlreichen Fachwerkhäusern. Hervorzuheben ist das zweigeschossige Rathaus von 1820, ebenfalls in Fachwerkbauweise mit einem Mansardendach. Und es hat eine Festung aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurde zwischen 1559 und 1565 zu Zeiten des mecklenburgischen Herzogs Johann Albrecht I. erbaut, um die Südwestgrenze Mecklenburgs und die Übergänge über die Elbe zu sichern.

Für mich ist Dömitz immer der Ort mit der abgerissenen Brücke und dem Hafenhotel.

Das Hafenhotel fällt zuerst auf. Im Hafen ein altes Lagergebäude, umgebaut zum modernistischen Hotel, voller kreativer Ideen. Vom Top-Restaurant hat man den Blick hinüber auf die andere Elbseite, wo die Reste der Brücke stehen. Brücke bedeutet Infrastruktur. Meistens positiv besetzt. Eine Brücke bringt Geschäft, Leben, Warenaustausch. Eine abgerissene Brücke ist in diesem Sinne schlecht für die Stadt.

Dömitz besaß Anfang des 20. Jahrhunderts eine sehr gute Verkehrsanbindung. Daher entstanden in der Umgebung größere Industrieansiedlungen. Es gab eine Eisenbahnbrücke und eine Straßenbrücke über die Elbe. In den letzten Kriegstagen 1945 wurden beide Brücken zerstört.

Vielleicht sollte man auch noch erwähnen, dass während des Zweiten Weltkrieges 2000 Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik unter Zwangsarbeit litten und 400 Frauen in einem Außenlager des KZ Neuengamme untergebracht waren, was natürlich nichts mit den Brücken zu tun hat.

 

Zu DDR-Zeiten befand sich Dömitz im Sperrgebiet. Dies bedeutete, Rückentwicklung auf der ganzen Linie. Erst in den 1970er Jahren wurden einige Restriktionen nach umfangreichem Ausbau der Grenzsicherungsanlagen gelockert, ein Zeichen, dass die DDR-Bonzen von ihrer perfektionierten Grenzsicherung überzeugt waren und wagen konnten, das Leben ihrer Bürger etwas zu erleichtern. Aber vielleicht lebten in Dömitz ohnehin nur ergebene Bürger. Immerhin konnten sich erneut einige Industriebetriebe ansiedeln, was Hoffnung erzeugte.

Nach der Wende riss man gründlich ein, was an die DDR erinnerte. 1991 sanierte man den historische Stadtkern und die Festung dank West-Geldtransfer gründlich. 1992 wurde die Elbbrücke neu errichtet. Die Eisenbahnbrücke blieb zerstört, wurde nicht wieder erbaut, was zweifelsohne Sinn machte, denn es gab mittlerweile keinen Eisenbahnanschluss mehr in Dömitz. Der nächste Bahnhof befindet sich im 14 Kilometer entfernten niedersächsischen Dannenberg. So wurde die zerstörte Brücke zur einzigen verbliebenen, aber gleichzeitig beeindruckenden Mahnung an die Vergangenheit. Und das Hafen-Hotel erinnert an die Zukunft, eine bemerkenswerte Kombination.

Den besten Brücken-Eindruck hat man, wenn man auf die andere Elbeseite fährt und sich von Kaltenhof der Brücke nähert. Das machten wir. Maria und ich kletterten den Anhang zur Brücke hoch, um von dort die Pfeiler in Augennähe zu erleben. Maria sagte, sie sei beeindruckt. Ich war in dem Augenblick von Maria beeindruckt.

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